Kampf um "King Blatter"

- Wenn sich alsbald schwarz gewandete Wesen die Augen zuhalten oder auf den Oberschenkel schlagen, dann handelt es sich weder um frustrierte Fußball-Schiedsrichter noch um Sportkommentatoren, die verzweifelt in die Gebärdensprache fliehen. Sondern um die Regelhüter einer ganz anderen Weltmeisterschaft, wo gelbe und rote Karten mittels Zeichensprache verteilt und beispielsweise damit Unaufmerksamkeit oder Kalauer im Spiel geahndet werden. Eine solche WM gab es noch nie! Das wird zwar jeder Fifa-WM-Ausrichter von der seinigen behaupten, aber im Fall von Theatersport ist es nun einmal die erste überhaupt.

Theatersport? "Es handelt sich um einen Teilbereich des Improvisationstheaters, wo Teams auf der Bühne gegeneinander antreten", erklärt Roland Trescher, Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft, bei der Pressekonferenz in München. Am 26. Juni findet im Volkstheater mit allen 16 teilnehmenden Nationen das Eröffnungsspektakel des Turniers statt. Und dieses funktioniert so: In Deutschland haben Regionen je einen Spieler in die Nationalelf entsandt, die in der Vorrunde gegen die drei anderen Länder ihrer zuvor ausgelosten Gruppe spielt. Hin- und Rückspiel, Viertel-, Halb- und endgültiges Finale alles ganz wie bei der "richtigen" WM. Mit dem Unterschied, dass beim Theatersport das Publikum in Abstimmungen entscheidet, welche Mannschaft sozusagen mehr Tore gemacht hat. Was hier bedeutet: Welches Team zu einem Thema die schönere Improvisation spielte oder welches bei einer gemeinsamen Aufgabe mehr oder bessere Impulse für die vorher kaum festgelegte Geschichte lieferte. Ein Spiel setzt sich also aus gemeinsamen und getrennten Miniaturtheaterstücken beider Mannschaften zusammen.

Roland Trescher und seine Partnerin Birgit Linner vom Münchner Ensemble isar148 zeigen, wie der Theaterzauber funktioniert: Ein Shakespeare-Stück unserer Tage soll gegeben werden. Ein Zuschauer wünscht sich den Titel "King Sepp Blatter". Die Darsteller reimen ihren spontanen Text wie Anno dazumal, fallen auf die Knie oder heben huldvoll die Hand und müssen dabei die Vorgaben der anderen weiterspielen. Mit dem Ergebnis, dass der Herrscher des Fußball-Imperiums in diesem Fall seinem Lieblings-Sportler-Untertan die schöne Tochter zur Frau gibt. Gute Genre-Kenntnisse und die Gabe, Sprachen, Klänge, typische Mimik oder Gestik imitieren zu können, sind also erforderlich.

Die Austragungsorte dieser WM der Fantasie sind über ganz Deutschland verteilt, die Organisation liegt beim Impro Deutschland e.V., und das Ganze ist Teil des Kunst- und Kulturprogramms der Fifa WM. Da Improtheater sonst kaum mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, verwundert kaum das gewaltige Engagement, mit dem die Improschauspieler Deutschlands die Gelegenheit beim Schopfe packten und die Kollegen aller Herren Länder mobilisierten. Wobei die Szene, in der die Grenzen zwischen Profi- und Amateurspielern fließend sind, auf den einzelnen Kontinenten unterschiedlich stark ausgeprägt ist: Als Improtheater-Hochburg gilt Nordamerika, Diaspora herrscht in Asien.

In München spielen übrigens Slowenien gegen USA, Frankreich und Argentinien sowie Belgien gegen Österreich, Japan und Marokko. Das Finale wird, leider auch eine Analogie zum Fußball-Wettstreit, in Berlin ausgetragen, nämlich am 7. Juli im Theater am Kurfürstendamm. Und weil der Theatersport überwiegend an den spielfreien Tagen der Fifa-WM stattfindet, dürfen sich nicht nur Fußballmuffel davon angesprochen fühlen. Sondern auch alle Fans, die an den schrecklichen Tagen ohne Turnier eine Ersatzdroge brauchen.

www.theatersport-wm.de, Karten unter Tel.089/ 23 22 57 57 für die Spiele; 089/54 81 81 81 für die Eröffnungsgala im Münchner Volkstheater.

"Theatersport": Am 26. Juni ist im Münchner Volkstheater die Eröffnungsgala mit allen 16 Nationen. Das Finale läuft am 7. Juli in Berlin.

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