Der Kampf um die Sprache

- Simpel genug, um wahr zu sein, diese Geschichte. Und viel zu schön inszeniert, um banal zu sein. Simon Stephens Stück "Port" beobachtet ein Mädchen aus schwierigen Verhältnissen beim Erwachsenwerden. Ein Stationendrama. Szene für Szene, in der Auseinandersetzung mit dem Vater, mit Schulfreunden, mit dem eifersüchtigen Ehemann, schwimmt sich Racheal ein Stück mehr frei. Entfernt sich innerlich vom Hafen ihrer Heimat mit seinem trüben Brackwasser in Richtung strömungsintensiverem Zukunftsgewässer, um eines Tages das englische Stockport tatsächlich zu verlassen.

<P>Eine Sozialreportage, auf einfachster Psychologie beruhend. Die Mutter ist schwach und entzieht sich der Verantwortung wie schon die Oma. Racheals erster Mann ist ein versoffener Macho wie der Vater. Von den Eltern vernachlässigt, sucht der Bruder Bestätigung in einer Kriminellenkarriere.</P><P>Dramaturgische Raffinesse kann das autobiografisch gefärbte Stück des 1971 in Stockport geborenen Briten Stephens nicht aufbieten. Aber einen ehrlichen Blick auf eine einfache Tragik und eine behutsame Heldin. Das hat auch schon David Böschs stimmige Inszenierung bewiesen, die im April im Rahmen des Regie-Festivals "Radikal jung" in München zu Gast war. Nun hat Matthias Kaschig "Port" für das Münchner Volkstheater herausgebracht und die Messlatte locker übersprungen.</P><P>Er hat noch etwas mehr auf Effekte verzichtet, hat genauer mit dem Text gearbeitet, noch klarere Bezüge hergestellt. Und er hat noch konsequenter freigeschürft, was unter der kargen Handlungsoberfläche verborgen liegt: den Kampf um die Macht und Veränderungskraft der Sprache. Denn was die Dialoge dieses Stücks prägt, ist der zaghafte Versuch, ins Gespräch zu kommen über die Probleme, die so selbstverständlich scheinen. Der Versuch, erst einmal etwas zum Sagen zu finden und hinter dem dann endlich Gesagten das Gemeinte hervorzuziehen.</P><P>Ein schmerzhafter Prozess vor allem für Racheal, die die kommunikativen Verwerfungen spürt. Deren Wünsche, kaum dass sie ausgesprochen sind, von den anderen zurechtinterpretiert werden. Kaschig ist es gelungen, dass in den Dialogpausen des Stücks der Schrecken über das Ausgesprochene fast plastisch auf der Bühne steht - noch öfter aber die Angst vor dem Auszusprechenden.</P><P>Besonders Stephanie Schadeweg zuzuschauen, ist eine Lust. Ihre Racheal ist klar gezeichnet als nicht zu entmutigende Wahrheitssucherin. Nach kühnen Behauptungen zuckt ein Zweifel an ihr, eine Augenbraue, eine Hand. Nach zarten Geständnissen blitzt plötzlich in ihren Augen Triumph auf, um einer Trauer Platz zu machen. Immer sagt ihre Körpersprache noch zwei, drei Dinge zusätzlich zum Eigentlichen aus, relativiert es - wie es der Figur der vorsichtig sich ins Leben hineintastenden Racheal entspricht. Konsequent auch, dass sie als einzige die Kostüme - von der Schuluniform bis zum Abendkleid - auf offener Bühne wechselt. Es ist ihre Wandlung, die sich im öden Stockport vollzieht.</P><P>Flug- und Straßenlärm als akustische Kulisse deuten bereits am Anfang an, wo dieser Ort liegt: an einem Verkehrsknotenpunkt. Die zurückhaltende Bühne trägt dem mit einem übergroßen Michelinmännchen, einer Straßenlaterne und einem Stück lampengesäumter Flughafenpiste Rechnung. Die Typen, die auf ihr landen oder ins Abseits gleiten, lässt Kaschig mit Tendenz zur traurigen Karikatur und doch ohne Lächerlichkeit spielen. Die desillusionierte Mutter. Den Vater als emotionalen Analphabeten. Den ersten Freund als Schüchtern-Chancenlosen und Verkannten. Und schließlich den Bruder Billy als gewitzten Charmebolzen mit schamhaft verleugneten weichen Seiten - eine Paraderolle für Leopold Hornung.</P><P>Wie schon als kleiner Junge kann er auch am Ende nicht aufhören, nervös mit dem Bein zu zucken. Und wenn die große Schwester dann sagt, "es hat sich nichts verändert, oder?", dann meint sie auch die Tatsache, dass er unverändert auch mal wieder nicht auf sie hört. Ein Grund mehr für ihren Sprung in ein neues Leben. Und so ein kleines szenisches Detail, das wie so viele andere das Feingefühl Matthias Kaschigs beweist und dem Zuschauer so schöne Entdeckungen in der Aufführung beschert.</P>

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