Kampf ums Überleben

- James Nachtwey verschließt die Augen nicht. Im Gegenteil, er schaut ganz genau hin, späht durch den Sucher seiner Kamera auf menschliches Elend in zahllosen Variationen. Stellvertretend für alle, die lieber den Blick abwenden oder nicht glauben wollen, dass solche Grausamkeit außerhalb des Fernsehers existiert, hält er sie auf Fotos fest: in verzerrten Gesichtern gespiegelte Massaker, auf ausgemergelten Leibern abgezeichnete Katastrophen. Bilder, die am Gewissen noch des unschuldigsten, sich in humanitärer Selbstgewissheit wiegenden Betrachters nagen.

<P>Seit über 20 Jahren ist der Amerikaner als Kriegsfotograf unterwegs in Südafrika, Somalia, Ruanda, auf dem Balkan, in Tschetschenien, Indonesien, Afghanistan und den USA. Denn Krieg bedeutet bei ihm mehr als bewaffnete Auseinandersetzung: Kampf ums Überleben, Angriffe auf die Menschenwürde, Vernichtung von Existenzgrundlagen. So zeigt das Literaturhaus mit den kurzfristig nach München geholten Bildern eben auch die Opfer einer "Null-Toleranz"-Politik der US-Strafpraxis: angekettete oder wegen Ungehorsams in der prallen Sonne schmorende Häftlinge.</P><P>Ebenso erschütternd wie die Aufnahme eines verhungernden, zum Hilfszentrum kriechenden Sudanesen oder einer Lastwagenladung Soldaten-Leichen gerät das Foto vom Körperabdruck eines von den Serben getöteten Mannes auf dem Boden seines Hauses. Oder die Reportage aus rumänischen Heimen für Kinder, Alte und Behinderte: Anstalten, in denen Sterben die menschenwürdigste Beendigung schrecklichsten Dahinvegetierens ist.</P><P>Freilich, nicht Helfen, sondern die Dokumentation der Hilflosigkeit ist die Aufgabe des Krisenfotografen. Hält Nachtwey die Kamera auf einen Menschen, der gelyncht wird, lässt sich die Frage nach dem ethischen Standpunkt jedoch nicht unterdrücken. Frei von jeglicher Inszenierung sind die Aufnahmen außerdem nicht: Das zeigt Christian Freis Dokumentarfilm "war photographer", der parallel zur Ausstellung im Forum des Literaturhauses zu sehen ist. Eine auf den Foto-Apparat montierte Filmkamera nimmt auf, wie sich die Porträtierten teilweise in Szene setzen. Verständlich, wenn die Fotografien die einzige Stimme sind, mit der sie auf sich aufmerksam machen können. Nachtwey befindet sich derzeit in Bagdad. Christine Diller </P><P><BR>Bis 4. Mai, Mo-Fr. von 11 bis 19 Uhr, Wochenende von 10 bis 18 Uhr.<BR></P>

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