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Im Lenbachhaus zu sehen : Kandinkys " Das Bunte Leben" (1907)

Kandinskys heiteres Universum

München - Mit der so imposanten wie phänomenal schönen Präsentation "Kandinsky – Absolut. Abstrakt" bietet das Münchner Lenbachhaus eine internationale Ausstellungs-Sensation.

Kurz vor Schließung des Münchner Lenbachhauses (Erweiterung) im März 2009 trumpft es im Kunstbau wie auch in der Villa selbst mit einem absoluten, aber nicht nur abstrakten Höhepunkt auf. Mit „Kandinsky – Absolut. Abstrakt“ gönnte man sich ein globales Großprojekt (unsere Zeitung ist der Medienpartner).

Wassily Kandinsky, 1866 in Moskau geboren und 1944 in der Nähe von Paris gestorben, schaffte in München, in Bayern die Revolution: den Durchbruch zur Abstraktion. Als Mitbegründer des „Blauen Reiter“ gelang ihm 1910 das erste ungegenständliche Werk. Durch seine über Jahrzehnte leidenschaftliche Konsequenz in der Malerei, die theoretisch profund unterfüttert war („Über das Geistige in der Kunst“, „Punkt und Linie zu Fläche“), und durch zugleich sinnenfreudige Malweise blieb er bis heute einer der wichtigsten Größen der Kunstgeschichte, Anreger für viele Kollegen und Maßstab der Abstraktion. In zahllosen Ausstellungen wird auf ihn Bezug genommen.

Im Lenbachhaus, im Pariser Centre Pompidou (Schau ab 8. April 2009) und im Solomon R. Guggenheim Museum, New York (ab 18. September), befinden sich die bedeutendsten Werk-Komplexe des Russen. Die drei Museen haben sich zur Mega-Tat zusammengeschlossen. Aber anders als bei dem Riesen-Panorama, das man 1976/77 zusammen im Haus der Kunst veranstaltete, können die Kuratoren heutzutage auch auf die Leihgaben aus Russland zählen. Die Lebens- und Kunst-Stationen Wassily Kandinskys – München, Moskau, Bauhaus in Weimar und Dessau, Paris – sind daher nun mit absolut hochkarätigen Gemälden ausgeleuchtet. Die Museumskollegen um Annegret Hoberg vom Lenbachhaus wollten das Beste vom Besten zusammenbringen. Das ist in atemberaubendem Ausmaß gelungen. Und: München hat im Gegensatz zu den anderen Ausstellungsstationen die opulenteste Bestückung zu bieten, so Direktor Helmut Friedel – der jetzt seinen Traum verwirklicht sieht. Denn 1995 bereitete das Lenbachhaus zunächst die eigenen Kandinsky-Schätze auf, die seine Lebensgefährtin Gabriele Münter dem Museum überlassen und damit zu einer international bedeutenden Institution gemacht hatte.

Dazu gehört, dass man hier das komplette druckgrafische Œuvre des Russen beherbergt. Die Ausstellung dazu ist im Haupthaus platziert. Das betritt der Betrachter wegen des erwarteten Ansturms nicht über den alten Eingang, sondern über die Garten-Loggia im rechten Museumsflügel. Dort hat man auch eine Garderobe eingerichtet. Im Obergeschoss breitet sich die Fülle der Druckgrafik aus: vom charmanten, märchenhaften Jugendstil auf Holzschnitten – viele in Farbe – bis zu hingehaucht leichten Strichelchen-Wesen in der Kaltnadelradierung. Natürlich fehlen weder ein „Phalanx“-Plakat noch das Cover des Almanachs „Der Blaue Reiter“, beide Gruppen begründete Kandinsky in München mit (1901 und 1911).

Viele Blätter sind in unterschiedlichen Druckzuständen zu sehen und öffnen einem dabei das Geheimnis, wie ein Kunstwerk „wächst“. Perfekt lässt sich auch verfolgen, wie sich der Künstler von der Materie tragen lässt, sie zugleich souverän beherrscht. Wer schon hat dem Holzschnitt so viel Anmut abgerungen? Wer so fein „radiert“, obwohl er bei Kaltnadel direkt mit Kraftaufwand in die Metallplatte hineinarbeiten muss? Materie ist beim Druck und insbesondere beim Jugendstil auch die Linie. Sie führte Kandinsky vom dekorativen Schwung über einen skurril spillerigen Zickzack hinein in die Abstraktion. Ein Höhepunkt ist die Mappe „Kleine Welten“ – wahre Größe in handlichem Format.

Dieser sehr erhellende Rundgang kann entweder in den Blauer-Reiter-Sälen fortgesetzt werden und/oder im Kunstbau. Dort schwelgen? Erst einmal nicht. Dezent, gar nicht aufdringlich und angeberisch leuchten die Gemälde aus der Halle zum Besucher auf dem Eingangssteg empor.

Aber dann, wenn man eingetaucht ist in das Œuvre, wenn man sich zwischen den 95 Bildern bewegt, verfällt man immer mehr Wassily Kandinskys Universum. Er hat sich der Farbe und Linie anvertraut, hatte beide tief gewürdigt und war von ihnen in die Freiheit der Abstraktion geleitet worden. Obwohl er, wie man immer wieder bemerkt, auf Lebendiges und Sinnliches baut. Der Betrachter muss sich Zeit lassen, muss im Goethe’schen Sinne schauen und nicht Bedeutungen auf die Bilder pressen, dann wird er einen wunderzarten Zauber erleben – körperlich, geistig, seelisch. Und dabei ist es erstaunlicherweise egal, ob man auf das Frühwerk in München oder die Arbeiten, die am Bauhaus oder in Paris entstanden sind, blickt. Kandinskys Welt umhüllt einen in besonderer Art, denn die Gemälde wirken aus der Nähe und aus der Ferne jeweils anders, auch ob man ein einzelnes Werk fixiert oder zusammen mit den Bild-Nachbarn als Ensemble-Teil wahrnimmt.

Der Schwerpunkt der Ausstellung im Kunstbau liegt trotz Gesamtschau auf den Münchner Jahren des Malers. Das war die wichtigste künstlerische Phase für ihn. Er führte die Kunst in eine neue Dimension – obwohl die russischen Konstruktivisten und Suprematisten auf ähnlichen Wegen wandelten. Zum Einstieg in den Rundgang werden noch einige hingetüpfelte Märchenbilder (1907) gezeigt, danach leuchten die Juwelen-Farben suggestiv auf, die Kandinskys Größe so sympathisch machen. Er ist eben kein steifer, korrekter Konstruktivist, wenngleich er ab 1920 deren Vokabular integriert. Was für ein Furioso, was für ein Stakkato an klar getönten Farb-Strichen und -Wirbeln der Maler damals losließ! Das reißt einen heute noch mit.

In Moskau ab 1916 wird die Palette deutlich matter. Kandinskys Produktion dünnt aus, denn nach der 1917-Revolution ist er extrem in kommunistische Kunstkommissionen eingespannt. Erst in den 20er-Jahren am deutschen Bauhaus und nach 1933 im Pariser Exil variiert er seinen Stil. Die ungeheure Energie von Farbwucht, -verläufen, -wolken, Linien, Ballungen und Ruhezonen fängt er ein, beruhigt sie. Geometrie hält Einzug. Trotzdem wirkt alles verspielt, froh, deliziös oder schmunzelnd witzig. Die Töne sind nicht mehr klar, sondern meist hell gemischt. Oft werden die Elemente – ob Kreis, Dreieck oder Linie, ob eine Art von Einzellern, Wimperntierchen oder Mikroben – auf stille, einfarbige Flächen positioniert. Ein Spielfeld der Kunst, das Kandinsky, zuletzt ja schon ein alter Herr, vergnügt nutzte und beherrschte: In seinem Universum konnte ihn die Nazi-Verfemung längst nicht mehr erreichen. Deswegen überstand er souverän die Besetzung Frankreichs. Die Schau schließt mit dem „Wechselseitigen Gleichklang“ von 1942, eine Hommage an die geliebte Musik und die Harmonie des Seins. Wassily Kandinsky blieb unantastbarer Kosmopolit – in unserer Welt und in der der Farben.

Simone Dattenberger

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