Er kann Farben hören

- Es muss ein Vergnügen sein, einen so eloquenten Gesprächspartner vor sich zu haben wie den Komponisten György Ligeti: gebildet, von sehr bestimmtem Urteil und mit unglaublicher Offenheit. Sein Detailwissen ist bewundernswert. Wie er Polemik in einen eher beiläufigen Erzählton packt, ist amüsant. Und dass seine Aufrichtigkeit mitunter in Grobheit umschlägt, nicht zu überlesen.

<P>Nicht immer tragen die Abschweifungen in diesen Gesprächen zum Verständnis des Menschen und Künstlers bei, gelegentlich können sie sogar verwirren. So bei Ligetis merkwürdig fluktuierenden politischen Äußerungen: von der Anti-Haltung gegenüber Nationalsozialismus und Kommunismus bis zur Solidarität mit den USA.</P><P>György Ligeti feiert an diesem Mittwoch 80. Geburtstag. Sein Gesprächspartner Eckhard Roelcke - halb so alt, Journalist in Berlin - kennt ihn seit 15 Jahren. Der artifizielle Titel dieses Buch-Interviews ("Träumen Sie in Farbe?") bezieht sich auf eine Fragestellung darin. Ligeti, synästhetisch begabt, vermag auch Farben zu "hören". Seine (Auto-)Biografie ist in den Gesprächsverlauf eingestreut. Man könnte von einem unsystematischen Erlebnisbericht sprechen, in dem das Musikalische durchaus nicht immer im Vordergrund steht.</P><P>Die Entwicklung zu einem der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart erschließt sich nur zögernd. Herkunft: aus "jüdisch-atheistischer" Familie in Siebenbürgen, durch die Schule (deutsch-)ungarisch-rumänisch geprägt, den Naturwissenschaften und der Mathematik zugewandt. Das Musikstudium ergriffen, als er als Jude seine Studienpläne aufgeben musste. Die Beschreibung seiner Kriegserlebnisse beim ungarischen Arbeitsdienst: abenteuerlich.</P><P>Kontraste im kommunistischen Budapest: Studium, die Revolution von 1956. Nach Köln zum WDR, über Wien und Stockholm nach Hamburg, Professur - obwohl ihm die dortige Hochschule als "Renommier-Institut" erscheint, geeignet für "Kultur-Manager, die keine Ahnung von Kunst haben". Auf zwei Vorlieben kommt Ligeti immer wieder zu sprechen: die Architektur und Berlin. Seine Freunde sind György Kurtág als Kollege (und einstiger Kommilitone) sowie Imre Kerté´sz aus dem literarischen Bereich. Und sonst: Er kann nicht Auto fahren und nicht mit Geld umgehen - sagt er.</P><P>Mit Kodá´ly betrieb Ligeti - ungern - in Budapest Volksliedforschung, bei Eimert in Köln elektronische Komposition. Er hat ein waches Verständnis für "computergenerierte Musik" wie für Conlon Nancarrows "player piano". Manchmal wird er sehr speziell, spricht quasi für Insider (Adorno sei in Darmstadt "großartig und lächerlich zugleich" gewesen). Interessant und eigenwillig äußert sich Ligeti zur Pädagogik ("Ich schwöre auf Haydn und Strawinsky") und warnend zur Kommerzialisierung (Esa-Pekka Salonen, Anne-Sophie Mutter). "Auf die ganze Pop- und Rock-Geschichte kann ich verzichten. Die Beatles sind ein merkwürdiger Grenzfall: Das ist zwar Kommerz, hat aber irgendwo etwas Zeitloses."</P><P>Ottorino Respighi, dessen Enkelschüler er war über Ferenc Farkas, bezeichnet Ligeti als fünftklassigen Komponisten, dennoch als Lehrmeister der Instrumentation. Beuys und Duchamp, auch Cage und Schönberg bekommen Breitseiten ab. Karl Poppers musikalisches Banausentum empört Ligeti richtiggehend. Und sein eigenes Schaffen? Ein bisschen Koketterie ist schon dabei, wenn er Bekanntestes daraus als schwach einordnet oder gar von einem "Irrweg" spricht.</P><P>"Träumen Sie in Farbe?" György Ligeti im Gespräch mit Eckhard Roelcke. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 238 Seiten, 19,90 Euro.<BR><BR></P>

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