Das kann kein Zufall sein

- Er gehört nicht zu den bequemen Schauspielern. Er gehört zu den besten. Doch in letzter Zeit war Helmut Griem sozusagen von der Bildfläche verschwunden und von der Bühne sowieso. Der Schauspieler, dem es stets gelungen war, Film- und Theaterarbeit aufs glücklichste miteinander zu vereinbaren, hatte "lange gar keine Lust mehr, Theater zu spielen".

<P>Nein, mit einem Verriss oder mit konkretem Ärger - beides hatte es gegeben - habe das nichts zu tun gehabt. "Damit muss man leben." Aber irgendwann stellte er fest: "Ich brauch' eine neue Motivation. Ich nahm eine Auszeit und machte mir die Worte meines Freundes Martin Benrath zu Eigen, der, als er das Residenztheater verließ, zu mir sagte: ,Ich habe so viel fürs deutsche Theater getan, das muss reichen. Ich will ein bisschen drehen. "</P><P>"Der Mensch ist begierig,<BR>sich selbst auf<BR>die Schliche zu kommen."<BR>Helmut Griem</P><P>Und das lässt den Griem so souverän erscheinen: "Ja, mir macht das Theater Spaß, ich hatte mit dem Theater Erfolg, ich habe Geld damit verdient. Aber leben kann ich auch ohne." Die Frage wäre nur, ob die Theater, ob die Theaterzuschauer auf Dauer auch ohne ihn leben wollten. Jedenfalls: Frust beendet, Lust vorhanden, dazu die richtigen Angebote, natürlich von Dieter Dorn, dem alten Weggefährten.</P><P>Ergebnis: Griem kehrt zurück ins Rampenlicht. In der Koproduktion des Bayerischen Staatsschauspiels und der Salzburger Festspiele wird er im Sommer in Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" in der Rolle des Familienvaters James Tyrone Premiere haben.</P><P>"Ihr seid komisch, das wollt Ihr dann hier in München spielen?", hat Griem Intendant Dorn gefragt. Denn der Witz an der Geschichte liegt darin, dass eben dieses Stück Griem einst selbst an den Kammerspielen inszeniert hatte, mit relativ geringem Erfolg. Aber gerade das war der Grund seiner Zusage. Und irgendwie wirkte bei dieser Entscheidung auch noch das Schicksal mit, denn: "Vor genau 40 Jahren spielte ich vom Schauspielhaus Hamburg aus in der gleichen Konstellation ebenfalls bei den Salzburger Festspielen, auch im Landestheater, auch einen O'Neill, ,Alle Reichtümer der Welt. Da habe ich mir gedacht, das kann kein Zufall sein." </P><P>Dass Cornelia Froboess hier seine Partnerin sein würde, habe er erst später erfahren. Klar, dass es da in Griems Augen strahlend funkelt: In München gelten die beiden noch immer als Theater-Traumpaar; sorgten sie doch hier als Minna und Tellheim, als Eliza und Higgins jahrelang für ausverkaufte Häuser.</P><P>Griem erinnerungsselig: "Meine Geschichte mit Conny begann lange, bevor wir 1976 an den Münchner Kammerspielen ,Minna von Barnhelm spielten, nämlich 1961. Da drehten wir den Film ,Der Traum von Lieschen Müller. Doch da keiner zu Lieschen Müller gehören wollte, war's ein Flop."</P><P>Was aktuell ein Reinfall, was ein Erfolg ist, darüber kann Helmut Griem - die Münchner Theater betreffend - kaum urteilen. Im Residenztheater Dieter Dorns hat er sich noch nichts angeschaut. Und die Kammerspiele Frank Baumbauers besuchte er bislang nur einmal: "Othello". Na ja, dazu nur so viel: "Wenn ich als Schauspieler dabei gewesen wäre und mir jemand gesagt hätte, ,deine Empfindung drückt das Klavier aus, da wäre ich aber weg gewesen."</P><P>Griem: "Das Eigentliche des Theaters, die Darstellung von Menschen und ihren Widersprüchen, geht verloren. Der Mensch verändert sich doch nicht, deshalb ändert sich auch die Politik nicht. Es ändert sich gar nichts. Die Menschen sind im Grunde unbelehrbar. Sie sind nur in gewisser Weise zu domestizieren. Das ist der Grund, Theater zu spielen, immer wieder auf diesen Defekt in der Schöpfung hinzuweisen. Dass der Zuschauer sagt: Menschenskind, da erkenne ich mich wieder, da passe ich das nächste Mal aber auf. Denn der Mensch ist begierig, sich selbst auf die Schliche zu kommen. Nur darum gibt es überhaupt Kunst. Nur darum geht man ins Theater. Das aufzuspüren, das finde ich eine tolle Sache."</P><P>Aber genau das droht verloren zu gehen. Nicht zuletzt deswegen, weil auf den Schulen die angehenden Schauspieler kaum zum Widerspruch erzogen werden. Ob es denn früher je anders war?</P><P>Griem: "Dadurch, dass ich nie auf einer Schauspielschule war, habe ich diese Hierarchie nie gelernt - oben der Regisseur, unten der Erfüllungsgehilfe. Ich war viel freier, ich habe mich nie einkasteln lassen. Durch das Regietheater - übrigens eine weitgehend deutsche Erfindung - geht der Beruf des Schauspielers als Metier verloren. Die Jungen werden immer mehr missbraucht von Regisseuren - als Dekoration. Die Figur- und Menschenfindung tritt mehr und mehr in den Hintergrund."</P><P>Dass so viele Schauspieler dazu selbst beitragen, dass sie gar über Mikroports sprechen, ist deprimierend. Da wünscht man sich mehr so Unbequeme wie Helmut Griem, der sagt: "Wenn mir einer so'n Ding umhängen würde, der müsste sich sofort in Sicherheit bringen."</P><P> </P>

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