Ich kann da nicht die Revolution ausrufen

- Er kennt die politische Landschaft sozusagen von Berufs wegen ganz genau, ist katholisch - und Bayer sowieso. Kabarettist Bruno Jonas (53) scheint die Idealbesetzung zu sein für die Rolle des Bruder Barnabas bei der Starkbierprobe auf dem Münchner Nockherberg. Morgen um 11.30 Uhr liest erstmals Jonas - als Autor und Prediger in Personalunion - der anwesenden Politprominenz die Leviten. Das Bayerische Fernsehen zeigt eine Aufzeichnung am kommenden Sonntag ab 19 Uhr.

<P>Sie waren Ministrant in Passau. Da haben Sie ja genug Fastenpredigten gehört . . .<BR><BR>Jonas: Ja. Aber wenn man lang ministriert in der gleichen Gemeinde, weiß man, dass der Pfarrer sich auch wiederholt. Ähnlich wie Politiker, die immer die gleichen Versatzstücke kombinieren.<BR><BR>Haben Sie Lampenfieber?<BR><BR>Jonas: Es überwiegt die Freude darüber, diese Herausforderung angenommen zu haben.<BR><BR>Wie haben Sie sich vorbereitet? Alte Aufzeichnungen angesehen?<BR><BR>Jonas: Ich kenne natürlich dieses Ritual am Nockherberg. Aber ich bin nicht ins Archiv gegangen und habe mir eine Rede von Walter Sedlmayr oder Erich Hallhuber angehört oder angeschaut. Sondern i hab des oafach so gmacht, wie i mir des vorstell'. Aber wichtiger war für mich zunächst einmal der Inhalt. Die Frage, was ich an Stoff in dieser halben Stunde unterbringen kann. Jeden Tag kommt ein neues Thema dazu. Auch Politiker drängen sich auf. Irgendwie drängelt sich momentan alles, in dieser Rede vorzukommen. (Lacht.)<BR><BR>Ist die Rede des Bruder Barnabas auch deswegen eine besondere Chance, weil die Angesprochenen selbst im Saal sitzen?<BR><BR>Jonas: Ja. Normalerweise ist es im Kabarett so, dass das ein anonymes, zusammengewürfeltes Publikum ist, das sich eben für diesen Abend entscheidet. Auf dem Nockherberg sind die Spitzen der bayerischen Politik geschlossen vertreten. Man kann sie direkt ansprechen und überprüfen, wie sie reagieren.<BR><BR>Gab es irgendwelche Vorgaben, von der Brauerei zum Beispiel?<BR><BR>Jonas: Vorgegeben ist einzig und allein das Ritual des Derbleckens. Wer dort antritt, der muss wissen, dass das ein Spiel ist. Ich kann da nicht die Revolution ausrufen. Ich hab' nicht die Illusion, dass, wenn ich da eine Rede halte, die Politiker am anderen Tag ihr Verhalten ändern. Die gehen da ja hin - unterstell' ich jetzt mal -, um zu zeigen, dass sie Humor haben. Das Lachen hat ja zwei Komponenten. Man bringt zum Ausdruck: Ich nehme dich nicht ernst, ich nehme auch mich als Derbleckten nicht ernst. Die andere Komponente ist eine gewisse Aggression, die sichtbar wird, wenn die Zahnreihen entblößt werden. Derblecken heißt Zähne blecken. Darin steckt eine Drohung: Ich könnte zurückbeißen.<BR><BR>Sind die Zeiten besonders gut für Politkabarett?<BR><BR>Jonas: Das ist ja eine zynische Frage. (Lacht.) Ich glaube, dass die Zeiten immer gleich gut oder immer gleich schlecht sind für Satire.<BR><BR>Sie sind gut im Geschäft, machen den "Scheibenwischer" in der ARD, stehen auf der Bühne, inszenieren und spielen am Gärtnerplatztheater "Der Mann von La Mancha". Gehören Sie nicht selbst zum Establishment, also zu denen, die Sie so gerne angreifen?<BR><BR>Jonas: Ja, ich bin ein Teil des Ganzen.<BR><BR>Gefährdet das nicht die Unabhängigkeit?<BR><BR>Jonas: Glaub' i ned.<BR><BR>Am Anfang, in Passau, waren Sie ein richtiger Bürgerschreck, sind sogar angezeigt worden . . .<BR><BR>Jonas: Die Schärfe eines Programms oder eines bestimmten Satzes ist immer von dem abhängig, den's betrifft. Wir sind damals anonym angezeigt worden von jemandem, der gar nicht in der Vorstellung war. Wegen Religionsbeschimpfung. Es wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, aber bald wieder eingestellt. Trotzdem hat's einen Riesenwirbel gegeben. Die Schärfe dieses Programms war bestimmt durch die Empfindung desjenigen, der uns angezeigt hat. Aber das ist ganz selten geworden, dass einer seine Verletztheit so zu erkennen gibt. Satire zeigt immer auch, ob jemand mit dieser Form umgehen kann. Es gibt so etwas wie eine satirische Kompetenz beim Publikum. Wenn einer sich beleidigt fühlt, dann zeigt er damit, dass er die Satire ernst nimmt. Absicht ist aber, nicht ernst genommen zu werden.<BR><BR>Dann sind nicht Sie milder geworden, sondern die Zuschauer nicht mehr so empfindlich?<BR><BR>Jonas: Ko ma a sogn. Ich glaube, es ist schon so, dass sich das Publikum satirische Kompetenz angeeignet hat. Wenn man sich anschaut, wie viel allein in den Neunzigern über Witz an Inhalten transportiert wurde. Die Comedywelle gehört da mit dazu. Wir haben eine ironische Konstante entwickelt im Land. Obwohl es immer noch sehr viele gibt, die Ironie nicht erkennen können. Das wird mir jeder Journalist bestätigen, der einmal versucht hat, ironisch zu sein. (Lacht.) Ich glaube, die Leute ham da oafach was dazuaglernt. Auf einen politischen Witz derf i als Politiker ned reagiern, außer i sag: Hat ma guat gfoin!</P><P>Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann<BR></P>

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