Uns kann nichts passieren

- Für einen Film über Papst Johannes Paul II. stand Bruno Ganz als Kardinal Wyszynski, Primas von Polen, in Litauen vor der Kamera, bevor er nach Rumänien weiterreiste. Dort dreht der 64-Jährige mit Francis Ford Coppola "Jugend ohne Jugend". Von Bukarest aus flog Ganz nach Prag, um beim Theaterfestival aus Thomas Manns "Doktor Faustus" zu lesen. Nach wenigen Stunden reiste der Schweizer nach Japan weiter. "Der Stress wird noch eine Weile weitergehen, so bis in den Sommer. Dann werde ich allerdings eine kräftige Bremse ziehen, keine Angst."

Wird "Jugend ohne Jugend" ein guter Film?

Ganz: Das weiß man vorher nie, das ist ja das Tolle am Film. Sogar, wenn die Voraussetzungen bestens sind, mit einem guten Drehbuch und lauter Stars - Sie wissen es nie. Die Dreharbeiten laufen wunderbar. Coppola ist ein großartiger Mann, ich finde einige seiner Filme umwerfend. Mein Partner Tim Roth ist ein ganz toller Schauspieler. Ich bin gut aufgehoben da.

Man hört oft, dass Rumänien Tschechien als Filmland ablösen wird?

Ganz: Ich kann da auch noch Litauen vorschlagen, da war ich ja vor kurzem eine Woche, um einen Papst-Film zu drehen. Sie gehen eben dahin, wo es billig ist.

Der Film, den Sie in Rumänien drehen, heißt "Jugend ohne Jugend". Erlauben Sie eine Paraphrase: Bei Ihnen kann man von "Alter ohne Alter" sprechen, so ruhelos scheinen Sie. Was treibt Sie?

Ganz: Ich liebe diesen Beruf. Es passiert ja nicht so oft, dass Coppola anruft und Sie dann auch noch das Drehbuch gut finden. Ich wäre total bescheuert, wenn ich jetzt sagen würde: Ich mache das nicht, weil ich müde bin. Außerdem bin ich nicht müde.

Man ist aber auch bekloppt, wenn man mit seinen Kräften nicht haushält . . .

Ganz: Ach, ich komme mit meinen Kräften ganz gut zurecht.

Für viele bleiben Sie der Schutzengel Damiel aus Wim Wenders' "Der Himmel über Berlin". Woran liegt es, dass dieser Film offenbar seinen Zauber nicht verliert?

Ganz: Sicher auch an der brillanten Geschichte von Wenders. Unmittelbar nach dem Start in Berlin kniete sich übrigens im Park des Charlottenburger Schlosses eine Frau vor mich und sprach mich mit "Damiel" an. Ich wurde richtig verlegen. Auch im Flugzeug sagten die Leute: Uns kann nichts passieren, der Engel ist an Bord.

"Die Deutschen gehen mit ihrer Geschichte gut um."

Bruno Ganz

Was hat Sie bewegt, Adolf Hitler zu spielen?

Ganz: Als das Telefonat der Produktion kam, habe ich gesagt: Ich weiß nicht, ich kann dazu jetzt nichts sagen. Die haben dann ein Paket geschickt mit dem Drehbuch und dem Hitler-Film "Der letzte Akt" von G.W. Pabst von 1956. Das ist ziemlich genau die Bunker-Geschichte aus dem "Untergang". Als ich das sah, wusste ich: Es geht, man kann Hitler spielen. Dann musste ich die moralischen Bedenken zur Seite räumen und habe drei Monate lang viel über Hitler gelesen. Der Aufstieg von Hitler - ich sage das bewusst - ist faszinierend. Die Wechselwirkung zwischen ihm und dem Volk und der Partei ist hochinteressant. Und im Drehbuch war keinerlei Versuch, die Geschichte neu zu beleuchten oder die Taten der Deutschen zu entschuldigen. Für mich ist es eine Rekonstruktion, mit der Neonazis nichts anfangen können. Es war ein Risiko, klar, aber ich war abgesichert - zum einen ästhetisch, denn ich wusste, dass man das spielen kann, und zum zweiten politisch, weil das Drehbuch o.k. war.

In Deutschland existiert eine Debatte, Deutsche auch als Opfer des Zweiten Weltkrieges zu sehen. Wie stehen Sie dazu?

Ganz: Die Deutschen gehen mit ihrer Geschichte, ich darf das wohl als Schweizer sagen, gut um. Sie haben festgestellt, dass es auch in der Bevölkerung Opfer gab.

In "Doktor Faustus", aus dem Sie in öffentlichen Veranstaltungen lesen, lässt Thomas Mann die Frage stellen, ob sich Deutschland nach all den Verbrechen je noch einmal zu Menschenrechtsfragen wird äußern dürfen.

Ganz: Man muss die Zeit beachten, in der das geschrieben wurde. Von Thomas Mann ist das radikal und sehr beeindruckend. Vielleicht war das Schlagwort "1000-jähriges Reich" nicht so falsch, weil das in tiefen Strömungen noch lange weitergeht. Andererseits glaube ich aber wirklich, dass die Deutschen mit dieser Sache zurechtkommen. Trotzdem ist es noch nicht gegessen - die Schuld und das Riesenproblem, wie die Deutschen mit ihrem Patriotismus umgehen, der nicht existiert. Je intelligenter man ist, umso mehr distanziert man sich auf eine merkwürdige Weise von seiner Heimat.

Das Gespräch führte Wolfgang Jung

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