Ich kann den Star spielen

- München im Anna-Fieber - da übertreibt Fridemann Leipold keineswegs. Denn auch beim Theaterforum der Stadtbibliothek (mit dem BR) drängten sich im Gasteig die Neugierigen: In der Black Box, wo Anna Netrebko im Gespräch mit Leipold zu erleben war und im Foyer, wo zweihundert Fans sie auf der Großleinwand kostenlos beobachten konnten. Eine Chance für jene, die sie nicht als Verdis "La traviata" in der Staatsoper singen hören und sterben sehen durften.

<P>Hier erlebten sie die Netrebko zum Anfassen nah und so natürlich, wie man sich seinen Opernstar erträumt. Nach kurzem Vorspiel - den heißen Videoclips - erscheint sie: Im schwarzen kurzen Rock, mit schwarzem Pulli, schwarzen Pumps, dezente Ohrringe, die Haare zusammengebunden, kaum geschminkt.</P><P>Fast ein bisschen verlegen lächelt die 32-Jährige zu Beginn und immer wieder, wenn ihre Stimme eingespielt wird - sogar mit einer acht Jahre alten Aufnahme von Glinkas "Ruslan und Ludmilla". Sie reagiert schelmisch lachend: "Das würde ich heute besser singen." Bereitwillig erzählt sie über ihr sensationelles, sie mit einem Schlag an die Spitze katapultierendes Salzburg-Debüt als Donna Anna in Martin Kusejs "Don Giovanni"-Inszenierung 2002. "Bei den Proben haben wir uns bekriegt. Er arbeitet auf einem sehr intellektuellen Niveau. Es war schwer, ihn zu verstehen und ihm zu glauben. Erst bei der letzten Probe hatten wir alle begriffen, was er wollte, und liebten die Aufführung." Wer ist Anna Netrebko fragten sich damals Publikum und Presse - sie kontert schlagfertig: "Aber alle haben das Kleid von Prada in Erinnerung behalten."</P><P>"Ob du willst oder nicht,<BR>du musst schlafen, junge <BR>Schönheit, egal mit wem."<BR>Anna Netrebko</P><P>In all dem Jubel übte damals Stimmspezialist Jürgen Kesting Kritik. "Die hat man vor mir versteckt." Ungeniert plaudert sie auch über ihre Erfahrungen mit Dirigenten: Mit Zubin Mehta (in München), der Verdis Musik in seiner Gestik wunderbar wiedergeben kann. Mit Nikolaus Harnoncourt (Salzburg), der "sehr viel weiß und eine sehr dezidierte Meinung hat, wie man Mozart spielen muss". Mit Valery Gergiev, der "der erste und einzige war, der an mich geglaubt und mir eine Chance gegeben hat". Damals in St. Petersburg, wo das Mädchen aus Krasnodar studierte - "ja, das war ein Kulturschock". Natürlich stimmt die Aschenputtel-Geschichte nicht, dass er sie beim Bodenschrubben im Mariinsky-Theater entdeckte. Aber beim Vorsingen "erkannte er mich wieder und staunte: O, du kannst ja auch noch singen'."</P><P>Nur gute Erinnerungen hat sie an ihre Kindheit. "Ich war auch stolz, Pionierin zu sein", bekennt sie lachend. Obwohl man ihr öfter sagte, dass sie keine Stimme hätte, übte Anna Netrebko weiter. "Und dann stellte sich raus, dass ich doch eine habe." Bei Renata Scotto hat sie sich vor zwei Jahren den letzten Schliff für den Belcanto geholt. Auch beim Thema Grenzen der Vermarktung bleibt Anna Netrebko locker. In ihren Videoclips im Stil von Madonna und Michael Jackson sieht sie einen neuen, modernen Zugang zur Opernmusik, "es ist doch kein Crossover". Aber, wenn es ihr zuviel wird, mit den Interviews, "dann sage ich nein. Ich kann auch den Star spielen." Und den Rummel doch auch genießen? Dazu fällt ihr ein russisches Sprichwort ein: "Ob du willst oder nicht, du musst schlafen, junge Schönheit, egal mit wem."</P><P>Die Fans amüsieren sich, stehen Schlange für ein Autogramm und freuen sich, wenn Anna Netrebko 2005 wieder kommt: Als Gilda, die kein braves Mädchen ist, "sondern eine ganz normale junge Frau mit allen Vorzügen und Nachteilen". Aber mit der Stimme und der Schönheit der Netrebko.<BR></P>

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