Kanonendonner als Schlussakkord

- Es ist putzig und zugleich in höchstem Maße der grauenvollen Wirklichkeit entsprechend, wie das holländische Theaterkollektiv Hotel Modern sein Stück "The Great War" inszeniert. Genauso, weitab von schmutzig-blutiger Schlacht, werden ja tatsächlich die großen Kriege von den obersten Befehlshabern ausgeklügelt: im Modellverfahren, als Sandkastenspiel. Dieser Frontabschnitt aus dem Ersten Weltkrieg _ ein mahnender Schlussakkord bei Münchens Spielart-Festival.

<P>Zuerst ein kleiner (etwas schwerfälliger) Prolog, der die zum Krieg führenden europäischen Machtverhältnisse und Bündnisse auf einer projizierten Landkarte erklärt, bis zum Mord an Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo. Dann die Kriegsregie: links von einer technischen Sound-Apparatur Maschinengewehrsalven und Kanonendonner, ergänzt von Arthur Sauer auch mit Holzklappern (für galoppierende Pferde), Regenrasseln und Vogellauten. Rechts am langen Torfbeet drei agile Arrangeure, die Spielzeug-Soldaten aufstellen, mit Wassersprüher zugange sind und mit Camping-Gasbrenner Wald und Stadt aus Papier in Flammen setzen. Der Brandgeruch verstärkt noch die Illusion der Kriegswirklichkeit, die entsteht, wenn die Miniaturlandschaft lebensgroß auf eine Filmleinwand projiziert wird und eine Schauspielerin dazu liest: nüchterne Frontberichte und Feldpostbriefe eines französischen Soldaten an seine Mutter, aufwühlende, berührende private Zeugnisse (in einem Marseiller Antiquitätenladen gefunden).</P><P>Mit atemberaubender Punktgenauigkeit das Zusammenspiel aller Akteure, überwältigend "echt" der Film, der sekündlich aus diesem Puppentheater entsteht: Wunderkerzen werden zu Flakfeuer, mit zwei Fingern bewegte Stiefelchen zum verzweifelten Marsch durch die Schlammwüste, weggeschnippte Figürchen zu Verletzten und Gefallenen. Schützengräben, weggeschossene Gliedmaßen, Ascheregen, als wenn es 1914/18 live gefilmt worden wäre. "What is real?", "Was ist wahr, was Illusion?" fragte Spielart. Egal - auf die Wirkung kommt es an.</P>

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