Kantinen-Kombo

- Ich wollt', ich wär' ein Huhn . . . Wie aufgescheuchtes Federvieh reagieren die Typen um den Stadthauptmann Anton Antonovi´c, als sie Nachricht erhalten mit folgendem Inhalt: Ein Revisor aus St. Petersburg komme in ihre gschlamperte Kleinstadt, ja, er sei sogar schon da, inkognito. Die Komödie, die Nikolai Gogol (1809- 1852) aus diesem Plot gemacht hat, "Der Revisor", ist ein Klassiker der russischen Literatur und wurde zu allen Zeiten von mehr oder weniger genialen Theaterregisseuren als scharfe Satire auf das jeweilige Regime und seine kleinbürgerliche, korrupte Provinzwelt inszeniert.

<P>Der Lette Alvis Hermanis (38) erweist sich nun in Salzburg als ein Regie-Vertreter der eher genialen Sorte. In der Reihe Young Directors Project der Festspiele gackerten sich in seiner "Revizor"-Inszenierung die Schauspieler des Jaunis Rigas Teatris mit furioser Übertreibung in die Gunst des Publikums (Simultanübersetzung). </P><P>Ihre Mitspieler auf der Bühne des ehemaligen Stadtkinos: ein Hahn und zwei fette Hennen, alle drei ganz in Weiß. Schade, dass diese mit dem Montblanc Theaterpreis prämierte, von den Festspielen koproduzierte Produktion nur an zwei Abenden auf dem Programm stand. Denn was die Letten hier boten, war ein perfekt gespielter, theatraler Hauptspaß. Ein Ausblick auf eine Theaterform der ganz anderen Art, jenseits aller Moden.<BR><BR>Furiose Übertreibung<BR><BR>Angesiedelt in den 70er-Jahren des Sowjetregimes, der Breschnew-Ära, als Lettland noch eine Republik der UdSSR war. Schauplatz des Geschehens: so etwas wie eine Betriebsküche, in der überdimensional dicke Frauen - die Schauspieler stecken alle in den absurdesten, deformierendsten Ganzkörper-Kostümen inklusive falscher<BR></P><P>Waden - den schaurigen Alltag der Essensausgabe als eine Art Kantinen-Kombo bewältigen. Alles hat den Anstrich von tristestem Sozialismus und ist gerade darum in seiner schrillen Unförmigkeit, die die Auswüchse des stagnierenden Systems von einst versinnbildlichen, saukomisch. Von grausiger Lachhaftigkeit die Toilettenszene. Wer jemals den Osten bereiste - und sei es nur die DDR-Autobahn gewesen -, weiß noch um die skandalöse Notdürftigkeit dieser öffentlichen Örtchen.<BR><BR>Wie sich nun die Männer im Stück, die Honoratioren der Stadt, Schulinspektor, Kreisarzt, Postmeister, Richter usw., in die restlos verkommenen Zellen hineinzwängen, um dem nebenan thronenden, vermeintlichen Revisor Chlestakow ihre Bestechungsgelder rüberzureichen, ist von erhellendem Aberwitz. Für die Letten ist das Vergangenheit, sie können befreit darüber lachen, mögen sie sich wie auch jedes andere Publikum in so manch typischen Verhaltensweisen durchaus wiedererkennen. Zum Beispiel in des Stadthauptmanns Ehefrau. Mit goldblitzenden Zähnen trumpft sie wohlhabend auf und ist als um Chlestakow schamlos buhlende Schlampe die Oberhenne in diesem Hühnerstall.<BR><BR>Dass alle dieser abgewetzten, armselig gehetzten Jeans-Type von Revisor auf den Leim gehen, ist hierzulande nur zu verstehen mit dem Wissen, dass im real existierenden Sozialismus Jeans als Ausdruck westlicher Noblesse unerreichbares Objekt der Begierde war. Ein schaurig schöner Abgesang auf die Segnungen der einstigen Sowjetunion. Eine haarscharfe Theater-Verrücktheit mit großartigen Schauspielern. Vor allem Guna Zarina als Haupthenne wird man so schnell nicht vergessen. Da lachen ja die Hühner.<BR><BR></P>

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