Kapitalismus unter Geranien

- Hereinspaziert ins Kuriositätenkabinett! Willkommen in Ingenieur Toblers Villa der sensationellen Erfindungen und sonderbaren Charaktere! Als Angestellter hat sich Joseph Marti an diesen Ort verirrt. Handelt es sich in Robert Walsers Roman "Der Gehülfe" noch um ein annehmliches Unternehmerhaus in der Schweizer Provinz, das mit dem glücklosen Geschäftsgebaren Toblers verfällt, so ist es im Münchner Marstall bereits zum kleinen Spukschloss mutiert.

<P>Hans-Ulrich Becker hat den Roman, dem Walsers einjähriger Aufenthalt bei einem Ingenieur zugrunde liegt, für das Bayerische Staatsschauspiel als Theaterstück eingerichtet. Mit Gewinn und Verlust, wie sie der risikofreudige Unternehmer einer solchen Bühnenadaption gleichermaßen hinnehmen muss. Positiv zu verbuchen wären die kafkaesken Szenen, die wunderlich-witzigen Spitzweg-Figuren und eine grotesk verzerrte Biedermeier-Häuslichkeit. Ins Minus rutscht der Erzählfluss mit seiner seltsamen Distanziertheit.<BR><BR>Im Hause Tobler steht es nicht zum Besten. Das sieht man Katja Schröders wunderbarer flächiger Bühne an. Oben an der Galerie erblüht alpenländische Beschaulichkeit in Geranienkästen, unten rümpelt sich allerhand Zeugs zusammen: Tisch-, Wand- und Standuhren, Schrank und Gartenschlauch, Gesteinsbrocken, Bürotisch, Schreibmaschine und Lampen, die in unterschiedlicher Länge von der Decke hängen. In diesem verspielten Chaos lässt sich kein Business-Plan vernünftig umsetzen. Nur der großbürgerliche Esstisch feiert noch die Illusion, dass man hier Herr seiner selbst ist.<BR><BR>In Wirklichkeit steht Tobler das Wasser bis zum Hals: Hier und da schaukelt ein Fisch aufgehängt zwischen den Lampen, ein Krebs ziert dekorativ den Salonboden, und um ihr Fernweh zu besänftigen, lauscht die Frau Ingenieur Tobler in eine große Muschel hinein. Der Albtraum Martis im Roman, dass plötzlich der nah gelegene See die Villa flutet, mag diese großzügig ausgeweitete Metaphorik inspiriert haben.<BR><BR>Freches Bilderbuch, das fern und fremd bleibt</P><P>Erzähler und Held zugleich ist Stefan Wilkening als Marti, "Gehülfe" sozusagen eines Niedergangs. Unsicher und ungeschickt in der Ausübung seiner Tätigkeiten, wittert er doch die Schwäche seiner Brotgeber und rettet sich in Blasiertheit. Nur um sich bei Gefahr schnell wieder in Opportunismus zu verkriechen, jedwede Verantwortung abzulehnen und hinterrücks über die Toblers zu höhnen. Wilkening lotet keck, naiv und manchmal ein bisschen wehmütig Martis Macht aus.<BR><BR>Es liegt gewiss nicht an ihm, sondern an der Beschaffenheit der Figur, dass sich die Handlung dahinblättert wie ein frech illustriertes Bilderbuch und dabei seltsam fern und fremd bleibt. Im Roman zieht der außenstehende Marti mit seiner Perspektive den Leser in die Geschichte hinein, im Theater aber lässt er den Zuschauer draußen. Denn Marti ist vor allem Beobachter und Kommentator, und irgendwo hinter ihm spielt sich das auch für ihn merkwürdige Geschehen ab.<BR><BR>Da zupft sich die von Anna Riedl lasziv gespielte Frau Tobler ein Fischlein aus dem Dekolleté´. "Eine Nixe", schmeichelt später der Angestellte, als er ihr Kleid bewundern muss. Da poltert, immer hilf- und haltloser, Michael Vogtmann als Ingenieur. Und mit besserwisserisch wackelndem Kopf führt wenigstens das Dienstmädchen Pauline (Ulrike Arnold) hier so etwas wie ein Regiment. Quält das ohnehin von den Eltern ungeliebte Töchterchen, schleudert der kleinen Bettnässerin den Urin ins Gesicht. Das erschüttert so wenig, wie die Sorgen in diesem Haus anrühren.<BR><BR>Nur die Komik all der lustigen Regieeinfälle, die erheitert. Der Geräuschemacher Yogo Pausch, der sich mit seinen Gerätschaften nahtlos ins Sammelsurium einfügt, vergrößert und verzerrt alles und macht auch sonst die Skurrilität des Hauses in Scheppern und Knarzen hörbar. Mit roten Spitzkappen feiert man hier in den Bergen Nationalfeiertag wie bei den sieben Zwergen. Und ein hereinschneiender Kapitalist, möglicher Finanzier, bandelt mit Marti per Ausdruckstanz an. Das hat alles eine putzig schräge Leichtigkeit. Aber leider zu wenig Gewicht.</P>

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