Ehe kaputt, Baby im Orkus

- Die Jugend auf den - für eine Premiere erstaunlich licht besetzten - Rängen jubelte sich die Kehlen wund. Staubsauger auf der Bühne des Nationaltheaters. Geschoben, geschwungen zu Dudelsack-Sound, umfüßelt von irischen Riverdance-Steps, das ist doch mal was. Also alles paletti mit "Porträt Mats Ek" zum Ballettwochen-Auftakt?

<P>Angesichts der Schwebe, in der Kunstminister Thomas Goppel Münchens Ballettchef Ivan Liska hält - eine Entscheidung, ob Vertragsverlängerung über 2006 hinaus, wäre jetzt schließlich fällig -, gönnt man Liska und seinen Tänzern aus vollem Herzen den augenscheinlichen Erfolg. Als älteres Semester ist man allerdings weit weniger euphorisch.<BR><BR>Lose Szenen-Montagen</P><P>Schon, weil hier lediglich das seit 2001 im Repertoire befindliche "A sort of" (1997) ergänzt wurde mit dem auch nicht gerade taufrischen "Apartment" (2000). Da Ivan Liska letzten Dezember kostensparend selbst das "Dornröschen" stemmte, wäre ja wohl finanziell eine Kreation von Mats Ek möglich gewesen. Oder von jemand anderem! Denn: Zweimal Mats Ek, und diese Kritik fällt schwer bei einem Choreographen, den man als Menschen und als Künstler schätzt, das ist doch sehr viel Mats Ek auf einmal. Ein grübelschweres "Porträt John Neumeier" (2003) hätte eigentlich eine Warnung sein müssen. Aber umdisponieren geht wohl nicht bei weit in die Zukunft festgelegter Planung.<BR><BR>"Apartment" hat Ek 2000 für das Ballett der Pariser Oper kreiert. Aber auch in dieser Elite-Institution ist nicht alles Gold, was getanzt wird. Ek kommt einfach nicht so rüber wie in seiner modernen "Giselle", die eben ein brillantes Libretto im Rücken hat. Die Strategien der losen Szenen-Montage und Assoziationen, wie reizvoll auch immer für den "suchenden" Modern-Dance-Meister, riskieren in "Apartment" ins schale Ungefähre abzutanzen: Während vorne an der Rampe Sherelle Charge in dramatischer Geste ihren sportlichen Body in dieses französische Waschgerät "Bidet" zwingt, darf Norbert Graf auf einem Flokati-TV-Sessel flätzen und gluntschen. Darauf tanzt Valentina Divina um einen altmodischen, qualmenden Küchenherd, aus dem Partner Roman Lazik das verkohlte Baby errettend an die Brust drückt und, Bühnenklappe auf, in den Orkus hinabfährt. Endgültig kaputte Ehen. Kleiner Hoffnungsschimmer mit Cheryl Wimperis und Alexandre Vacheron, die herumtollend gerade ihr Frischverliebtsein entdecken.<BR><BR>Künstlerischer Profit</P><P>Nach jeder Paarbeziehung geht, wie vor einem neuen Akt, der rote Theatervorhang hoch (zwei identische des Nationaltheater-Originals wurden nachgenäht), bis am Ende in der Tiefe der Bühne auch das schwedische Fläskkwartetten sichtbar wird. Die vier Musiker liefern abwechselnd metallisch hohl klingende Streicher-Melodik und verstärktes Rockgejaule. Drehen auf vor allem für die Akt-Zwischenspiele der "Fußgänger", die gelegentlich auch laut durcheinander grölend über einen Zebrastreifen hereintänzeln.<BR><BR>Was bleibt von diesem in unserem Urteil verquälten "Paare, Passanten" in einer gewollt so absolut hässlich-öden Ausstattung (Peder Freiij), sind die kurzen, hervorragend getanzten Ausdruckssoli und Duette. Aber die hat man schon ausgiebig in "A sort of" gesehen, das sich als surreale Traumreise zu Henryk Goreckis minimalistisch powernder Musik - kraftvoll vom Staatsorchester unter Myron Romanul - jetzt im Vergleich als das stärkere Stück erweist.<BR><BR>Unabweisbar ist der künstlerische Profit für das gesamte Ensemble, das sich voll hineingeworfen hat in diese Bewegungssprache. Die ist knietief, zerreißt einen in der Mitte, jagt durch schnellste Tempi - und ist zusätzlich auch immer noch Bedeutungsträger. Die über Bauchdecken spazieren krabbelnden Finger, die schnackelnden Füße, das Nase- und Ohrläppchen-Zwicken, die über Gesichter flappenden und zwischen Beinen fuschelnden Hände, dieses ganze auch andernorts bis zum Erbrechen gesehene Tanztheatervokabular muss man halt noch mögen . . .</P><P>Wiederholung am morgigen Samstag. Karten: Tel. 089/ 2185-1920.<BR><BR></P>

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