"Karajan war mit der Dame namens Musik verheiratet"

Berlin - Ein 18-jähriges, naives Mannequin lernt einen attraktiven und berühmten Dirigenten kennen, der auf dem besten Weg ist, der "Generalmusikdirektor Europas" zu werden. Eliette von Karajan hat erst jetzt, fast 20 Jahre nach dem Tod ihres Mannes Herbert von Karajan- am 5. April wäre er 100 Jahre alt geworden - dieses wahr gewordene "Märchen" erzählt.

"Mein Leben an seiner Seite" nennt Eliette von Karajan ihre jetzt bei Ullstein erschienene Autobiografie, die sie den Töchtern Isabel und Arabel gewidmet hat und die sie an diesem Dienstag in Berlin vorstellt.

Es ist natürlich auch der Bericht aus einem klassischen Jet-Set-Leben. Man trifft sich zum ersten Mal auf einer Yacht im südfranzösischen Saint-Tropez und verkehrt in den folgenden Jahren in den "besten Kreisen" und mit den berühmtesten Zeitgenossen aus Kultur, Politik und gesellschaftlichem Leben. Aber es ist auch der Bericht einer Frau, die eine eigene Berufskarriere schon in jungen Jahren aufgab, um einen Mann zu begleiten, der sie sehr liebte, der aber vor allem, wie sie im Buch mehrfach anklingen lässt, in seiner Welt der Musik lebte.

"Ich hatte es von Anfang an gewusst, Herbert war seit jeher vor allem mit der Dame namens "Musik" verheiratet", meint sie rückblickend. Ob das der jungen Frau von Anfang an so deutlich bewusst war, bleibt dahingestellt. Eliette versucht jedenfalls, sich mit der Welt der Musik vertraut zu machen, "ich wollte ihm auch eine verständnisvolle Gesprächspartnerin sein". Aber sie wird sich später auch zusätzlich ein eigenes Arbeitsfeld suchen und der Malerei zuwenden. Ihr Mann unterstützte sie, wenn sie von Selbstzweifeln geplagt wird ("Ich betrachtete mich als gescheitert"). Das beschreibt sie in ihren Erinnerungen offenherzig.

Ähnliche Offenherzigkeit hätte man sich auch gewünscht, ohne die übliche Schlüsselloch-Perspektive einnehmen zu wollen oder Klatschspalten-Erwartungen zu befriedigen, um mehr darüber zu erfahren, wie und wer der Mann an ihrer Seite wirklich war, der sich konsequent von der Öffentlichkeit abschirmte, wenn es privat wurde und an dessen Seite sie doch über 30 Jahre ihres Lebens verbrachte. "Sonnentage haben die Angewohnheit, stetig kürzer zu werden, da hilft nicht einmal die innigste Liebe - irgendwann beginnt der Alltag", schreibt sie einmal. Auch von seiner "Scheu in emotionalen Belangen" nach außen hin ist die Rede, oder von seiner "Technikbesessenheit", die sie nicht teilte.

Alles in allem erfährt der Leser über diesen "seltsamen Mann" (Wolfgang Stresemann) nicht viel mehr, als er nicht schon aus der bisherigen Flut der Veröffentlichungen über das "Wunder Karajan" wusste. Ja, er konnte "aus vollem Herzen lachen, herumalbern" und konnte ausgezeichnet Witze erzählen, war andererseits immer beherrscht, ein Pünktlichkeitsfanatiker und detailbesessen - in vielem also auch ein "Parade-Preuße".

Das Buch ist natürlich der Lebensbericht einer Frau, die sich einen Platz an der Seite des von aller Welt bewunderten "Klangmagiers" suchen musste und ihn dann auch behauptete. Denn ein Leben ""heute hier, morgen dort" konnte selbst ein Energiebündel wie mich ermüden". Und auch die Anfänge waren nicht immer einfach. Karajan war ein Name mit Klang, "seiner jungen, unbekannten, für die meisten auch unbedeutenden Ehefrau hingegen begegnete man zunächst mit abwartender Kühle, manche auch mit kaum verhüllter Hochnäsigkeit".

Mit Berlin ist die Ehefrau des langjährigen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker nie richtig warm geworden, beide haben in dieser für viele so "rauen Stadt" auch gesellschaftlich nie Fuß gefasst. Dabei hatte dort 1955 nach ihren Worten "eine der längsten "Liebesgeschichten" in der klassischen Musik" begonnen, die allerdings, wie so manche großen Liebesaffären, mit einer Katastrophe endete.

Eliette von Karajan geht auf den dramatischen Bruch Karajans mit seinen Philharmonikern in den 80er Jahren nicht sehr ausführlich ein ("genug der unschönen Seiten"). Fakt ist zumindest, dass Karajan Ostern 1989 den Berlinern seinen spektakulären Kündigungsbrief schrieb. Wenige Monate später, am 16. Juli stirbt er in Anif bei Salzburg zu Hause in den Armen seiner Frau im Alter von 81 Jahren. Schon einen Tag später wird er in aller Stille beigesetzt.

Der leidenschaftliche Motorsportler, Flieger, Skifahrer und Bergwanderer Karajan, der in seinen späteren Jahren von schweren körperlichen Leiden gezeichnet war, hatte einen Traum, wie er mal sterben wollte: "Dann nehme ich einen Rucksack mit einer Flasche Whisky und Schlaftabletten", um einen letzten Blick auf sein geliebtes Alpenpanorama zu werfen. Er starb schließlich zwischen Gesprächen mit seiner Plattenfirma und den Proben zu Verdis "Maskenball" bei den Salzburger Festspielen.

Eliette von Karajan: Mein Leben an seiner Seite - Autobiographie

Ullstein Verlag, Berlin, 240 S., Euro 22,90, ISBN 978-3-5500-8722-6

dpa

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