Karajans Überfall

- Das ist Kremers drittes Buch: eine Autobiografie der Jahre 1965-80. Es ist gut zu lesen, flüssig geschrieben, nicht immer von Belang, spannend vor allem in den "Erinnerungen eines jungen Musikers im Sozialismus" und später dann im zähen Ringen um künstlerische und individuelle Freiheit außerhalb der UdSSR - eben "Zwischen Welten" lebend, wie auch der Titel des Buches verheißt.

<P>Kremer schildert seine Erlebnisse so objektiv wie möglich, schon in der Bewunderung des Studenten für das Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium, den "Parnass der Musik", und in seiner tiefen Verehrung für den Lehrer David Oistrach:  wie  sie sich einander näherten, wie der geniale Alte dem ungestümen Adepten gegenüber stets weise und aufgeschlossen reagierte. </P><P>Blühendes Musikleben in tiefer Provinz</P><P>Wir erfahren vom Leben im Studentenheim, vom trotz aller Repressalien vielfältige Geistesleben in Moskau und von einer ungeschriebenen, aber wirkungsvolle Maxime: "Das Konventionelle, optimal ausgeführt, wies den Weg zum Erfolg."<BR>Der junge Kremer lernt auf pflichtgemäß absolvierten Konzertreisen ganz Russland kennen, findet oft ein blühendes Musikleben in tiefer Provinz. </P><P>Er trifft Yehudi Menuhin, ihm in der Liebe zu Elgars Violinkonzert verbunden, beim Concours Reine Elisabeth und nimmt 1968 seine erste Schallplatte auf. Eine der Reise-Anekdoten: dass ihm auch in Wien der amtlich verordnete Dolmetscher beigegeben wurde, der schlechter Deutsch sprach als der aus deutsch-baltischer Familie stammende Kremer selbst.<BR><BR>Seine Deutschland-Tournee 1975 bezeichnet Kremer als seinen Durchbruch. Sie beginnt mit einem Überfall: Karajan lässt eine Probe mitschneiden, nimmt den eigentlichen Aufnahme-Termin (im Konzert) vorweg. Kremer bewundert ihn trotzdem, "aber Karajans Perfektionsimperium sah ich nie als mein Zuhause an". Das lange Hin und Her um den Wechsel in den Westen wird zum dramatischen Höhepunkt des Buchs; auch München spielt dabei - personifiziert in Joachim Kaiser und Georg Hörtnagel - eine Rolle. </P><P>Ein weiterer Höhepunkt: das Kapitel über den "musicus sowjeticus" mit kennzeichnenden, informativen Aussagen über Kondraschin, Kogan, Roschdestwenski und Richter, über die Komponisten Gubaidulina und Denissow. Eine spezielle Stellungnahme erfährt Mstislaw Rostropowitsch: zwischen Verehrung und Kritik - wie nicht anders zu erwarten bei so unterschiedlichen Charakteren.<BR><BR>Die Aufzählung von Kremers stets stürmisch einsetzenden Liebesbeziehungen bleibt nicht ausgespart. Drei wieder getrennte Ehen: mit Tatjana Grindenko, Geigerin, immer noch vertraute Duo- und Kammermusikpartnerin, mit Ksenija, der Mutter seiner Tochter, von der er sich am gleichen Tag scheiden ließ, an dem er Elena, die Tochter des Pianisten Baschkirew heiratete. </P><P>Interessiert erlebt man die Begleitumstände des endgültigen Wechsels in die westliche Welt, von der staatlich geregelten Künstlerlaufbahn in die kommerziell dominierte. Er findet verblüffende Übereinstimmungen in Bürokratie und Geschäftstüchtigkeit. Das übertrifft oft die Aufnahmefähigkeit eines charismatischen, idealistisch geprägten Musikers, der sich trotz russisch-patriotischer Reminiszenzen letztlich zu seiner lettischen Herkunft bekennt.</P><P>Gidon Kremer: "Zwischen Welten". <BR>Piper Verlag, München/ Zürich. 385 Seiten, 24, 90 Euro.<BR></P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Zwischen Welten von Gidon Kremer </P>

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