Karikaturen unter sich

München - Alban Bergs „Lulu“ inszeniert von Vera Nemirova und dirigiert von Marc Albrecht in der Felsenreitschule.

Ausgerechnet Wolfgang Rihm muss stehen. Gerade erst für die Salzburger Uraufführung seines „Dionysos“ gefeiert, bekommt er nun, zum dritten Akt der „Lulu“-Premiere, einen Plastikkelch mit Sekt in die Hand gedrückt. Eine Entschädigung: Auf seinem Klappstuhl in der Felsenreitschule sitzt schon Bariton Thomas Johannes Mayer alias „Der Athlet“. Dann kommen singende Smoking-Träger samt Lulu/ Patricia Petibon im Glitzerfummel durch die Reihen, Diskokugeln drehen sich an der Decke. Wir sind ihr, sagt die Regie wieder einmal. Und Vera Nemirova, durch die Brechungsaktionen ihres Lehrmeisters Peter Konwitschny gestählt, ist eine schöne Rettungsaktion für die umstrittensten „Lulu“-Szenen gelungen.

Puristen schütteln sich seit jeher bei dem Gedanken: „Lulu“ als vollständige Oper? Der dritte Akt, von Alban Berg nur als Entwurfsmaterial hinterlassen und in den Siebzigerjahren von Friedrich Cerha vollendet, galt dank der Berg-Erben als Tabu. Dass er für die Balance des Stücks essenziell ist, dass er auch die einzig echte Liebesszene enthält, beweist diese Salzburger Festspiel-Premiere. Lulu und Jack the Ripper nähern sich da im Zeitlupengang von den Bühnenseiten, finden einander im Zwielicht, betasten und befühlen sich, bis er ihr das Messer als Moment höchster, tödlicher, erlösender Vereinigung in den Bauch rammt.

Wäre nicht dieser dritte Akt gewesen, der in winterlicher Einöde endet, man hätte die neue Salzburger „Lulu“ als aufwändigen, von Maler Daniel Richter effektvoll dekorierten, hochtourigen Leerlauf abhaken können. Nicht ums Psychologisieren ging es ihr, hatte Regisseurin Vera Nemirova im Vorfeld mitgeteilt. Und Bergs Musik, die das Telefon klingeln lässt, Klang-Fratzen schneidet, in expressiven Gesten blitzlichtgewittert, scheint das zu stützen. Von „Menagerie“ und „unbeseelter Kreatur“ kündet der Tierbändiger im Prolog – was Vera Nemirova gleich aufs ganze Stück überträgt. Das Ergebnis schmeckt nach Boulevard, nach Klipp-Klapp-Theater, in dem das aufgekratzte Personal über eine Ansammlung von Flachreliefs nicht hinauskommt.

Patricia Petibon in der Titelrolle hat darunter am meisten zu leiden. Anfangs ein aufgeregtes Engelchen, später ein hibbeliges, grelles, kleines Wesen, dem der helle, höhensichere, etwas faserige Darmsaiten-Sopran der Französin ganz gut steht. Doch es gibt ja auch den anderen Berg. Jenen, den die Wiener Philharmoniker unter der Leitung des klar strukturierenden und sicher lotsenden Marc Albrecht zu genießen scheinen. Jenen Alban Berg, der mit Sinnlichkeit verführt, dessen oszillierende Erotik, dessen herbe Süffigkeit und Süffisanz gerade diesem Orchester so liegen.

Immerhin: Michael Volle unterläuft das Flügelschlagen dieser „Lulu“-Karikaturen. Dr. Schön, später auch Jack wird mit der ganzen virilen Wucht des Theatertiers Volle ausgestattet: ein Zwölfton-Giovanni, der sich irgendwie in die falsche Inszenierung verirrt hat. Auch Tanja Ariane Baumgartner wirkt als Geschwitz mit zurückhaltender, subtiler Erotik wie ein Fremdkörper. Und beim heldisch attackierenden, reifen Alwa von Thomas Piffka, beim überpräsenten Thomas Johannes Mayer (Tierbändiger/ Athlet) oder Pavol Breslik (Maler/ Neger) beschleicht einen der Gedanke: Was hätte wohl ein Christof Loy mit diesen großartigen Sängern anfangen können? Die Hans-Moser-Wiederbelebung von Heinz Zednik (Kammerdiener) oder der großväterliche Haudegen-Charme von Franz Grundheber (Schigolch) richten da oft mehr aus als die sonstige Aufgeregtheit. Und die Ausstattung? Frönt Salzburgs neuer Mode, Inszenierungen mit Maler-Stars eine Extra-Portion Aufmerksamkeit zu sichern. Daniel Richters (Vorhang-)Prospekte sind folglich weniger Ortsdefinitionen oder funktionales Bühnenbild, sondern, immerhin, wirkungsvoller Kommentar. Die im Dunst schwebenden Höllengesichter, später die Schneelandschaft, bei der man nicht weiß, ob Bäume oder doch Skelettteile zu sehen sind, entfalten enorme Kraft. Und stellen die Akustik auf eine harte Probe: Die hier ungewohnten Stoffmengen rauben den Sänger-Stimmen vor allem im ersten Akt einen Teil ihrer Resonanz.

Als ob eine Theatertruppe ihre Riesenbrettlbühne aufgeschlagen hat, so sind Richters Prospekte aufgehängt. Und verdecken dabei die Sicht auf die Arkaden, blenden, womöglich erstmals in der Festspiel-Geschichte, den Charme des Raumes aus, ignorieren ihn sogar. Lauwarme Begeisterung, ein, zwei Buhs: eine Inszenierung für die Felsenreitschule ohne Felsenreitschule, was für eine neue Salzburger Erfahrung.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen: 4., 6., 11., 14., 17.8.; Tel. 0043/ 662/ 8045-500.

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