Karnickel-Politik

- Ein Langohr im Wallegewand mit dekorativem Faltenwurf, in der einen Pfote ein Buch, in der anderen die Gelbe Rübe hoch hinauf gereckt: das Freiheitsmöhrenkarnickel. Eine niedliche Verballhornung der New Yorker Verwandten, das freiheitliche Denken repräsentierend, mit dem ein Verleger in Berlin zeitlebens Bücher machte. Zu sehen ist das Wappentier der Reihe "Taschenbücherei" des Wagenbach Verlags mit all seinen putzigen Karnickel-Verwandten derzeit in den Fluren des Münchner Literaturhauses: "40 Jahre Verlag Klaus Wagenbach" werden dort im Rahmen der Italien-Tage "Va bene" gefeiert.

<P>Der in Hessen geborene Verleger, der 1964 die ersten "Quarthefte" herausgebracht hatte, kommentierte seine neue, aufs Politische gerichtete "Taschenbücherei" in den 70er-Jahren mit den Worten: "Wenn viele Kollegen ihre Taschenbuchreihen nach links verschlanken und nach rechts verfetten, dann könnte es vielleicht ein bisschen Platz geben auf unserem Stammplatz, immer an den beiden Leit- und Magensprüchen entlang: ,Lasst uns Denken anstiften statt vorschreiben. Auch das Wappentier der Reihe, das Karnickel, verzichtet großmütig auf Angriffswaffen. Heiteres Hecken, Aufmerksamkeit, Wühltalent, List und Tempo genügen dem stets neugierigen Vieh zum Überleben."<BR><BR>All diese Attribute lassen sich auch auf den mutigen, frechen Wagenbach Verlag als Ganzes beziehen, der in den 70er-Jahren wegen seiner RAF-Nähe in etliche Gerichtsprozesse verstrickt war. In denen ihm übrigens der heutige Bundesinnenminister Otto Schily als Anwalt Beistand leistete.<BR><BR>Auf den Punkt gedichtet</P><P>Etwas vernachlässigt wirken leider die etwa zwei Dutzend Tafeln im dritten Stock, die den Werdegang des Verlags nicht nur dokumentieren, sondern auch kommentieren, illustrieren, ironisieren. Ihnen ist anzumerken, dass sie von sprachlich versierten Leuten des Hauses stammen: Humorvoll ist dessen Chronik samt den wichtigsten Autoren und Werken auf den Punkt gedichtet.<BR><BR>Aussagekräftige Bilder vermitteln zudem die unkonventionelle Atmosphäre zwischen den Schreibtischen: Da sieht man etwa Michael Krüger mit Klaus Wagenbach tanzen, die zusammen das Jahrbuch für deutsche Literatur "Tintenfisch" erfunden haben. Und man sieht Verlagsleiterin Inge Feltrinelli, die enge Kontakte zu Wagenbach pflegte, weshalb man derzeit Ausstellungen zu beiden Verlagen im Münchner Literaturhaus sehen kann.</P><P>Bis 30. Juli. Tel.: 089/29 19 34 0.<BR></P>

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