"Karriere macht man mit dem Kopf"

- "Warum sollte ich mich in eine stille Ecke setzen, wenn ich genau neunundvierzigdreiviertel Jahre auf der Bühne stand?" Christa Ludwig, Jahrhundertsängerin mit der wohl schönsten, sinnlichsten Mezzo-Stimme, die es je zu genießen gab, geht offensiv mit ihrem 80. Geburtstag am 16. März um. Vor 14 Jahren sagte sie der Oper Adieu - offenbar ohne große Probleme.

- "Ich nehme nie Abschied, ich fange immer etwas Neues an", sagten Sie einmal. Was haben Sie nach Ihrem Bühnenabschied alles begonnen?

Ich habe das Leben einer normalen Frau angefangen. Stellen Sie sich das vor! Es ist toll. Ich rede, koche, mache meinen Haushalt. Gut, das hätte ich nicht gerne mein ganzes Leben lang gemacht. Aber Sängerin... Das war auf Dauer zu aufregend.

- Julia Varady meinte, man müsse sich entscheiden: singen oder leben.

Da ist was Wahres dran. Wobei mit der Musik auch ein wunderbares Leben möglich ist. Wir Sänger leben ja auf der Bühne, nie in der Wirklichkeit. Und dann meist, bedingt durch die Werke, 100 Jahre zurück. Da verliert man gern den Blick auf die Realität. Eigentlich gar nicht so schlecht.

- Oder gefährlich.

Aber das ist doch was Schönes. Obwohl: Auf wirklichen Urlaub zum Beispiel musste ich verzichten. Ich habe in meinem Leben zweimal Ferien auf Sylt gemacht. Sonst war ich im Sommer immer bei diversen Festspielen.

- Gab es irgendwann einmal einen Moment, an dem Sie sagten: Ich steige aus der Sache aus?

Nie. Singen war das Einzige, was ich konnte. Ich musste doch Geld verdienen. Nach dem Krieg waren wir ausgebombt. Die Familie musste ein bisschen über Wasser gehalten werden. Ich war begabt, hatte Talent, eine schöne Stimme - also Herz, was willst du mehr?

- Sie haben oft Sopran-Versuchungen standgehalten. Was treibt die Mezzos eigentlich nach oben?

Mein Buch heißt ja "Ich wär' so gerne Primadonna gewesen". Im "Rosenkavalier" an der Scala ist mir etwas mit Elisabeth Schwarzkopf passiert. Da war ich Oktavian, sie meine Feldmarschallin. Im letzten Akt wurde sie auf dunkler Bühne von einem Scheinwerfer-Kegel verfolgt. Und immer huschte der an mir vorbei, immer auf die Primadonna. Davon hat man irgendwann genug. Aber im Ernst: Ich habe immer Hindernisse überwinden wollen. Deshalb habe ich einige Sopranrollen ausprobiert, damit ich mir nicht hinterher sagen musste: Hätte ich nur... Bis auf Isolden und Brünnhilden habe ich alles gesungen, was ich wollte.

- Dabei haben Sie Pultgiganten Körbe gegeben. Wie fanden die denn das?

Karajan, Bernstein und Böhm wollten die Isolde von mir. Mein Timbre passte. Eine weiche, warme, modulierbare Stimme. Meine Stimmbänder sind wie Wollfäden. Birgit Nilsson hatte Stahl. Sie schaffte die Isolde locker, dafür konnte ich Lieder singen. Karajan habe ich zwei Wochen vor den Festspielen die Brünnhilde abgesagt. Darauf er: "Sie sind wie eine Katze. Einem Hund befiehlt man: Spring! Und er springt. Eine Katze kuckt erst, ob sie's schafft."

- Wie selbstkritisch können Sänger sein? Man wird doch durch Applaus korrumpiert.

Wenn man mit beiden Füßen auf dem Boden bleibt, wie das bei den Mezzos meist der Fall ist, dann weiß man: Der Applaus erfreut einen im Moment. Und nach zehn Minuten ist es vorbei. Dann geht man nach Hause in die Küche, wo ich mir oft ein Glas Wein und ein Gänseschmalz-Brot genehmigt habe. Dann fängt wieder das normale Leben an. Durch meine Eltern wurde ich zum Theaterkind erzogen. Für mich war die Oper kein Walhall. Einmal hatte ich eine "Rosenkavalier"-Gala in Hamburg. Jubel, Trubel, Autogramme und so fort. Dann kam ich auf die Straße und sah die Schwarzkopf mutterseelenallein mit allen Blümchen, während sie auf ein Taxi wartete. Kein Fan hat nur daran gedacht zu helfen. Ich bedaure Sänger, denen nicht bewusst ist, dass ihnen ihr Beruf nur eine gewisse Zeit vergönnt ist.

- Von denen gibt es aber viele.

Das ist dann Dummheit. Eine Karriere macht man mit dem Kopf. Talent und Stimme sind nur die Basis. Wir Mezzos sind ja gut dran. Wir können von den Hosenrollen als jugendliche Liebhaber über die dramatischen Partien zu den bösen Alten wechseln. Es gibt Wunderbares, das man noch mit 66 singen kann.

- Welche Ihrer vielen Rollen ist Ihre engste Verwandte gewesen?

Es gab mehrere. Zuallererst meine geliebte "Fidelio"-Leonore, ein Sorgenkind, weil sie so hoch liegt. Dann die Marschallin. Auch Kundry und Ortrud. Partien, in den man richtig loslegen konnte. Die Hosenrollen mocht ich nicht.

- Das sagt eine Mezzosopranistin?

Cherubino, Oktavian - schrecklich. Ich liebe doch das gute Essen. Also musste ich dauernd auf meine Figur achten, damit ich als junger Mann durchgehe. Deshalb bekam ich Pressleiberl, die mir alles abschnürten.

- Haben Sie Ihre Stimme immer gern gehört? Andere Sänger finden das ja furchtbar.

Ich mag meine Stimme gern. Und den Kollegen glaub' ich das alles nicht. Die behaupten ja auch, sie würden keine Kritiken lesen.

- Sie geben Ihre Kunst in Meisterkursen weiter. Wie hat sich das Rüstzeug des Nachwuchses geändert?

Wir hatten nach dem Krieg keine Klavierauszüge und keine Kopien. Wir haben alles abgeschrieben oder im Antiquariat gekauft. Und dann haben wir komplette Partien gelernt. Heute kommt das Gros der Sänger zu mir mit den typischen Arien-Sammlungen. Wenn ich sie nach einer anderen Arie oder einem Duett aus einer bestimmten Oper frage, kennen sie das nicht. Das finde ich traurig. Es fehlen heute die Neugierde und der Enthusiasmus. Vielleicht geht's ihnen zu gut, sodass sie denken: Die gebratenen Hühner kommen einem schon in den Mund geflogen. Ich habe mit 27, als ich nach Wien kam, schon mein ganzes Fach gesungen. Heute ist man in dem Alter immer noch an einer Akademie und studiert!

- Mit der Klytämnestra haben Sie sich von der Bühne verabschiedet. Warum sollte man Sie denn mit dieser zwielichtigen Rolle in Erinnerung behalten?

Das ist doch eine tolle Partie! Ein herrlicher, ungeheurer Text! Ich wollte sie etwas menschlicher machen. Sie ist die arme Person des Stücks, nicht die Elektra. Die will eine Gerechtigkeit, die es gar nicht gibt, und lässt ihre Mutter Klytämnestra töten. Klytämnestra war mein Elektra-Ersatz, weil ich so etwas Hochdramatisches nie singen konnte.

- Glauben Sie eigentlich, dass die gerade so heftig vermarkteten Sängerkarrieren der Oper helfen?

Absolut nicht. Ich will nicht das Wort Verbrechen benutzen. Aber so etwas Ähnliches waren die drei Tenöre. Die hatten gedacht, sie könnten mehr Leute in die Oper bringen. Ich glaube nicht daran. Das ist Anbiedern. Die gemeine Schönheit für alle, wie Schillers Elisabeth sagt. Auch dass ein Opernsänger mit einem Popstar arbeitet - furchtbar. Diese Feld-, Wald- und Wiesenkonzerte, mit denen man sehr viel Geld verdient, haben doch nichts mehr mit Kunst zu tun. Wenn die Zuhörer solcher Sachen in die Oper gehen, sind sie womöglich enttäuscht, dass nur ein Sänger das hohe C singt und nicht drei gleichzeitig.

- Aber vielleicht muss sich doch etwas ändern, wenn man die Leute locken will.

Vor allem die Preise müssten sich ändern. Wie können sich sonst junge Leute so was gestatten?! Ich weiß das von meinem Sohn: Die mussten sich immer einen Babysitter holen, damit sie abends weg konnten. Ja wer kann sich denn das alles leisten? Und an all dem sind nicht unbedingt die Sängergagen schuld.

- Vielleicht täte vielen Regisseuren ein stark eingeschränkter Ausstattungsetat gut.

Eben. Nach dem Krieg mussten sich die Regisseure noch was einfallen lassen. Und es ist ihnen etwas Stilisiertes eingefallen. Keine Planschbecken, Lifte oder sonst irgendwelche Kinkerlitzchen.

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