Er hat ihm in die Karten geschaut

München - Zwei Abende in der Philharmonie: Valery Gergiev bot mit Chor und Orchester des Mariinski Theaters Schostakowitschs Symphonien-Zyklus.

Musik eine universelle Sprache, die immer und überall von Herz zu Herzen geht? Eh eine naive Fiktion. Doch welche (große) Musik wäre offensichtlicher nicht zu denken, hören ohne ihre Entstehungsumstände als das Werk Schostakowitschs? Was macht man heute gar mit der 2., 3. Symphonie, mit ihren expliziten „Lenin!“-Rufen? Nun, was Valery Gergiev grundsätzlich bei seinem Symphonien-Zyklus macht: Er nimmt die Musik ernst. Er karikiert nichts als erzwungen und gewalttätig – überspielt aber auch nicht die doppelten Böden. Er schafft es, Schostakowitschs riskantes Spiel mit-, nachzuspielen: Er hat ihm in die Karten geschaut, deckt jedoch das Blatt nicht plump auf.

Die „Oktober“-Symphonie begann tief in erschreckend modernem Urnebel; machte die Sehnsucht nach Greifbarem (und sei’s ein Marsch) spürbar. Die Musik arbeitete, war Prozess. Und keine Propaganda, die von vornherein weiß, was gut und böse ist – sie suchte ihren Weg auf vermintem Gebiet. Jeder massenkompatible Jubel wird ihr immer starr, mechanisch. Als die Stimmen des Mariinski-Chors die platten Parolen am Ende verkündeten, war’s eine Art Anti-„Neunte“: Das Wort sagt, was die Musik nicht sagen will.

Grundlage für alles: Das Orchester des Mariinski Theaters. Die St. Petersburger sind erstklassig, ohne globalem Technicolor-Sound zu huldigen. Ihr Klang hat Charakter, Biss, die Streicher eine wunderbar rauchige Note, das Blech Rückgrat aus einer Stahl-Gold-Legierung, das Holz eine Prise Schärfe im Schmelz. Obwohl Schostakowitsch in der 13., der „Babi Yar“-Symphonie mehr bei sich (und Mussorgsky) ist, wirkte sie bei aller Seelentiefe vergleichsweise einfach in ihrer treuen Textorientiertheit. Solist Mikhail Petrenko mit Frosch im Hals. Das Stratosphären-Ende aber zeigte, wie bei Schostakowitsch wahre Zustimmung klingt: Intim. Verfliegend. Trauernd.

Bei der ungeliebten 12. ließ Gergiev mit kontrollierter Mächtigkeit den Leerlauf in der vermeintlichen Affirmation hören, ohne sie ganz zu entzaubern. Aber auch, wie viel Beethovens Neunte via Brahms’ Erster drinsteckt – mal (verlorenes) Ideal, mal ausgehöhlte Geste. Und erstmals kippte der Scherzo-Humor ins wirklich Groteske, noch nicht so scharf und bitter, aber wie in der zum Zirkusgalopp gebetenen Vernichtungsmaschine bei der 8. Symphonie – dem fraglosen Höhepunkt der beiden Abende. Man sah Gergievs zittrigen Dirigiergesten an, um wie viel echtes Gefühl es ihm hier ging. Und sein Ensemble lieferte es. Herausragend unter viel Großartigem: das Englisch Horn-Solo. Das war aufwühlende Musik über das Menschsein in der Unmenschlichkeit. Und somit, ja, universelle Musik! Lange, ergriffene Stille in der Philharmonie. Dann minutenlange Ovationen.

Thomas Willmann

Rubriklistenbild: © fkn

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