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Es ist Bewegung in Münchens Kleinkunstszene: Wolfgang Ettlich und Henry Heppel (o.) haben gerade das Inventar des „Heppel & Ettlich“ versteigert. Eigentlich wollten sie ja das „Theater 44“ von Horst A. Reichel und Irmhild Wagner (li.) übernehmen. Daraus wurde aber nichts und die Bühne musste schließen.

Das Karussell der kleinen Bühnen

So viel Aufbruch war schon lange nicht mehr: Wie Münchens Kleinkunstszene nach der Sommerpause aussieht

Da sage noch einer, es bewege sich nichts mehr in der Münchner Kleinkunst- und Off-Theater-Szene, vielleicht sei sie gar schon am Aussterben.

Tot ist, so viel ist richtig, das „Theater 44“ in der Schwabinger Hohenzollernstraße. Aber nicht etwa, weil niemand Interesse gehabt hätte, die Traditionsbühne von Horst A. Reichel und Irmhild Wagner in eine neue Ära zu führen. Zuerst wollte das „Heppel & Ettlich“ dorthin ziehen. Auch das aus der Hans-Sachs-Straße geschasste „theater... und so fort“ konnte sich darin sein neues Domizil vorstellen. Und bis zuletzt hatte Jochen Schölch vom Metropol in Freimann die Hoffnung, das Kellertheater zu retten. Aber alle Pläne platzten, weil ein Baugenehmigungsverfahren – mit ungewissem Ausgang – und die Ablöse von Stellplätzen zu teuer geworden wären. Während es das „Theater 44“ zum Bedauern aller für immer aus der Bahn geworfen hat, dreht sich das Karussell der kleinen Theater in erstaunlichem Tempo weiter: So viel Aufbruch war lange nicht mehr.

Aus „Heppel & Ettlich“ wird ab Oktober „Rohrer & Brammer“

Zum Beispiel im „Heppel & Ettlich“. Statt umzuziehen, sperren Wolle Ettlich und Henry Heppel nun Theater und Kneipe zu. Schon im Oktober eröffnen an selber Stelle „Rohrer & Brammer“ mit einem Theater, biologisch-alpenländischem Restaurant und – Bar. Denn die Möglichkeit für ein 23-Uhr-Bier ist dem neuen Duo, der B3-Moderatorin Susanne Rohrer und der Schauspielerin Christiane Brammer („Die Fallers“), wichtig. Neu wird auch das Interieur sein – „mit Ganzkörperspiegel für die Dame“, warnt Brammer. Und nicht Fußball ist Anlass eines Public Viewings, sondern das „Neujahrskonzert“. Das übrige Programm ist vielfältig, startet mit dem Stück „Indien“, Fernsehstars wie Marianne Sägebrecht und Katerina Jacob gestalten Abende; Musik, ein politischer Stammtisch und Vollmondlesungen „mit anzüglichen Sachen“ sind geplant. Motto: „Alles ist erlaubt, wenn es nur gut ist.“ Ab und zu treten auch die Hausdamen mit eigenem Programm auf.

Woher nehmen sie den Mut für das Unternehmen? „Auch in der Krise muss man essen und sich amüsieren, vielleicht erst recht“, sagt Rohrer. Ihre Vorgänger ehren sie übrigens in einer Devotionalien-Vitrine.

Das Bedürfnis, an die reiche Münchner Kleinkunst-Tradition anzuknüpfen, lässt sich derzeit allgemein in der freien Szene konstatieren. Heiko Dietz etwa plant in den neuen Räumen des „theater... und so fort“ einen „Schrein“. Damit will er an verschwundene Vorgänger-Bühnen erinnern, etwa an das „Moderne Theater“, dessen Räume im Glockenbachviertel er übernommen hatte, aus denen er aber von der Pächterin der Gastronomie kürzlich vertrieben wurde. Oder an das „Theater k“ sowie natürlich an „Jörg Maurers Unterton“. Denn in dessen Kellertheater in der Kurfürstenstraße hat jetzt Dietz eine neue Heimat gefunden. Natürlich tritt Maurer weiter hier auf, die Zauberervorstellungen wurden übernommen, und auch der „Kasperl“ von Richard Oehmann und Josef Parzeval zog mit in die Maxvorstadt. Was die Eigenproduktionen angeht, bleibt Dietz seiner Linie treu: „Wir machen, was wir für wichtig halten, vom Schrägsten, Komischsten, Albernsten bis zum Kritischsten und ernsthaften Themen.“

Nur muss der Theatermacher momentan hart kalkulieren, bei der jüngsten Vergabe der städtischen Fördergelder wurde er nicht berücksichtigt. Immerhin kann er in den neuen Räumen steigende Besucherzahlen verbuchen. „Ich weiß nicht, ob in diesem Viertel mehr Leute ins Theater gehen“, sagt er, „sicherlich sind einige auch von unserem Vorgänger hängengeblieben.“ An Vorheriges knüpft auch Ruth Oppl an, seit Juni neue künstlerische Leiterin des Theaters im Fraunhofer. In kürzester Zeit musste die 34-jährige Künstleragentin ein Programm für ein Jubiläum zusammenstellen, das mehr Jahre zählt als sie selbst: 35 Jahre Fraunhofer-Theater.

Der Tradition des Hauses fühlt sich Oppl schon deshalb verpflichtet, weil sie das „Fraunhofer“ als bayrisch geprägte Bühne, als Nische für schillernde Künstler und schräge Volksmusik schätzt. Neue Akzente setzt sie mit politischen Kabarettisten, Literatur, Comic. „Im Vergleich zu meinen früheren Projekten ist dieses kein großes Wagnis“, sagt sie. „Natürlich spüren wir die schwierigen Zeiten. Aber wir haben das Gefühl, dass ein neues Interesse an den Themen entsteht.“ Zudem hat sie mit Beppi Bachmeier, Betreiber der Fraunhofer-Gaststube und des Mariandl, einen theaterliebenden Inhaber im Rücken.

Die bange Frage: Abriss oder Teil eines Kreativ-Quartiers?

Da hat es das „Pathos Transport Theater“ schon schwerer. Seit Jahren ist nicht klar, ob das Gebäude auf städtischem Gelände an der Dachauer Straße abgerissen oder doch Teil eines Kreativquartiers wird. Abrisstermin ist momentan Oktober 2010. Eine weitsichtige Planung ist für die Experimentierbühne daher schwierig, wobei ihr Leiter Jörg Witte nicht damit rechnet, dass sich die Situation in den nächsten Jahren ändern wird. Deshalb betreibt er zusammen mit Angelika Fink weiter emsig Vernetzungsarbeit, kooperiert mit freien Truppen in Berlin, Köln und Graz sowie dem Theater Basel, veranstaltet das Transport Festival mit noch nicht etablierten Truppen und baut sein Haus weiter als Plattform aus. „Wir könnten mehr, als wir können, müssen aber immer wieder die Handbremse ziehen“, beschreibt er das Dilemma. Gerade weil sich die Bühne um neue, verstörende Theaterformen bemüht, wäre es schade, wenn sie sich demnächst auch in einer Vitrine der verschwundenen Theater wiederfinden müsste.

Christine Diller

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