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Der Kriegsinvalide daheim: Jonas Anders als Hinkemann (re.) mit Christian Ehrich (hinten), Katharina Schmidt und Daniel Christensen.

Salzburger Festspiele

Karussell des Lebens

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Salzburg - Ernst Tollers Kriegsheimkehrerdrama „Hinkemann“ hatte im Rahmen von Young Directors Projects Premiere.

Sofort bricht am Ende, nach diesen 90 Theaterminuten, Applaus im Republic los. Natürlich ist das Premierenpublikum auch begeistert über den gelungenen Auftakt des Young Directors Projects (YDP) bei den Salzburger Festspielen, der gleichwohl nicht frei von Schwächen ist. Vor allem aber wirkt das unmittelbare Klatschen, kaum ist das Licht auf der Bühne erloschen, wie eine Selbstbefreiung der Zuschauer aus ihrer Beklemmung. Ernst Tollers Kriegsheimkehrerdrama „Hinkemann“ braucht bis heute den emotionalen Blitzableiter.

Das Stück entstand 1921/22 in Festungshaft; der Autor saß fünf Jahre, weil er im April anno ‘19 der Münchner Räterepublik als Präsident vorstand – für sechs Tage. Toller (1893-1939) erzählt von Eugen Hinkemann, der aus dem Feld als Invalide zurückkehrt. Der Weltkrieg hat ihm im schrecklichsten Wortsinne die Männlichkeit geraubt. Doch Frieden bedeutet nicht unbedingt, dass kein Krieg ist – für Hinkemann gehen die Kämpfe weiter. Seine Frau betrügt ihn, Freunde und Kollegen verlachen ihn. Egal, wo er hingeht – Hinkemann ist Außenseiter. Verbittert muss er erkennen: „Wie mit Blindheit geschlagen ist der gesunde Mensch.“

Der serbische Regisseur Miloš Loli´c, 1979 in Belgrad geboren, hat Tollers expressionistisches Drama geschickt aus der Zeitgeschichte gelöst und als Parabel über die Abgründe des Menschen und dessen Angst vor der Unmöglichkeit der Liebe inszeniert. Sein Abend eröffnete die nach 13 Jahren letzte YDP-Reihe. Wie berichtet, beendet Sponsor Montblanc sein Engagement für das Programm, bei dem sich junge Theatermacher alljährlich dem Festspielpublikum an der Salzach präsentieren konnten.

Das YDP, erklärt Sven-Eric Bechtolf, Schauspielchef der Festspiele, sei der Raum gewesen für „Risiko, Unfertigkeit und Experiment“ und habe „vielen jungen Künstlern eine erste internationale Bühne für ihr Talent“ geboten. Vier Produktionen sind zum Abschluss zu sehen, darunter die Uraufführung des von Walter Kappacher verfassten Monologs „Der Abschied“ über den Dichter Georg Trakl (Premiere am 15. August). Sie konkurrieren um den – ebenfalls von Montblanc gestifteten, mit 10 000 Euro dotierten – Regiepreis, der heuer am 21. August verliehen wird.

Für Loli´c freilich stand die „erste internationale Bühne“ nicht in Salzburg, sondern in München. Bei „Radikal jung“, dem Festival des Volkstheaters für den Regie-Nachwuchs (das unlängst auch mit dem Verlust des Hauptsponsors zurechtkommen musste), war 2010 seine Belgrader Inszenierung von Falk Richters „Gott ist ein DJ“ zu sehen. Volkstheater-Intendant Christian Stückl legte daraufhin die Spielzeiteröffnung 2011/12 in Loli´cs Hände. Es war das erste Mal, dass dieser an einem Theater außerhalb des ehemaligen Jugoslawiens arbeitete. Mit einer streng rhythmisierten Inszenierung von Lorcas „Bluthochzeit“ empfahl er sich damals; im vergangenen Jahr brachte er dann mit dem Volkstheater-Ensemble „Roberto Zucco“ von Bernard-Marie Koltès im Haus an der Brienner Straße heraus.

Sein „Hinkemann“ ist eine Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Inszenierung spielt mit Versatzstücken und Einfällen, die bereits die Münchner Arbeiten des Regisseurs prägten: Die ansonsten leergeräumte Bühne wird dominiert vom nackten Stahlgerüst eines Karussells (bei der „Bluthochzeit“ war es eine Stuhlreihe an der Rampe, beim „Zucco“ ein Baugerüst). Dieses Karussell freilich ist ein kluges Bild für den Toller-Abend – für Hinkemann dreht es sich nur noch kurz: Auf dem Rummel beißt er als schauerlicher Homunkulus lebenden Tieren die Kehle durch und befriedigt so die Blutgier des geifernden Volkes. Auch versammelt Loli´c erneut alle Schauspieler auf der Bühne und lässt das Spiel aus der Gruppe heraus entstehen. Selbst das sinnlose Im-Kreis-Rennen der Hauptfigur findet sich wieder – und wirkt doch fremd im ansonsten klugen Aufbau der Inszenierung. Das gilt auch für die überflüssigen, zudem schwer verständlichen Gesangseinlagen des Ensembles.

Jonas Anders braucht einige Zeit, bis er sich mit der Titelfigur arrangiert hat. Beklemmend gelingen ihm jedoch jene Momente, in denen sein Hinkemann realisiert, dass er aus dem Karussell des Lebens geschleudert wurde.

Von Michael Schleicher

Weitere Vorstellungen an diesem Samstag und Sonntag; Karten unter Telefon 0043/ 662/ 80 45 500.

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