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Gut gemeint, aber nichts für Festspiele: Laien und Jungschauspieler bleiben an diesem Abend weitgehend hilflos.

Horváth-Premiere bei den Salzburger Festspielen

Kas mit Karoline

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Das New Yorker Regieduo 600 Highwaymen versuchte sich im Auftrag der Salzburger Festspiele an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Salzburg – So wenig Wiesn war selten. So wenig Horváth leider auch. Und das obwohl am Freitag bei den Salzburger Festspielen dessen 1932 uraufgeführtes Volksstück „Kasimir und Karoline“ Premiere hatte. Abigail Browde und Michael Silverstone aus New York, die sich 600 Highwaymen nennen, haben den Abend eingerichtet – dabei aber eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vorlage verweigert. Ein klarer Fall von Feigheit vor dem Horváth (1901-1938).

Nicht alles ist misslungen an dieser mit 90 Minuten viel zu langen Inszenierung. Anneliese Neudecker hat ein schlichtes Holzparkett im Mozarteum verlegt, eingefasst von Holzbanden, wie man sie aus Eishallen kennt, mit Türen, um auf die Fläche zu kommen. Ein Zwitter aus Tanzboden und Schlittschuhbahn ist dieses Bühnenbild – schließlich kommen an jenem Oktoberfesttag, von dem Horváth erzählt, nicht nur Kasimir und Karoline sauber ins Schlingern und Rutschen.

600 Highwaymen sind Spezialisten für „partizipative Theaterprojekte“

Doch eine gute Ausstattung garantiert noch keine packende Inszenierung. Zudem wird auf dieser Bühne ein Problem des Abends besonders unbarmherzig ausgestellt. Denn eine solch große Freifläche verlangt Schauspieler, die sie auch zu bewältigen wissen. Menschenformer, denen es gelingt, mit ihrer Präsenz und ihrer Stimme die Aufmerksamkeit zu fesseln. Das ist eine Kunst, und die beherrschen eben nicht alle.

Nun ist es aber so, dass sich 600 Highwaymen auf „partizipative Theaterprojekte“ spezialisiert haben. Das heißt: Man schaut hier 23 Laien und Jungschauspielern beim Scheitern zu. Das ist nicht schön, für keine Seite. „Zu einem heutigen Volksstück gehören heutige Menschen“, hatte Horváth einst in einem Interview gefordert – damit jedoch die Figuren gemeint. Es ist nicht das einzige Mal, dass die New Yorker den Autor falsch verstehen. Natürlich spricht nichts dagegen, dass Ungelernte sich am darstellenden Spiel versuchen. Sie „entdeckt das Leben“ heißt es über eine Mitwirkende im Programmheft. Super Idee, doch muss das auf einer Festspielbühne geschehen?

Der Abend gründelt weit unter Festspielniveau

Ja, diese Inszenierung gründelt weit unter dem Niveau, das man in Salzburg erwarten darf. Und nein, dies liegt nicht allein am hilflosen Ensemble. Denn Browde und Silverstone haben mit Saša Čelecki eine eigene Textfassung erarbeitet. Die Rollen wechseln immer wieder unter den Anwesenden. Diese sagen, wenn sie an der Reihe sind, meist den Namen ihrer Figur oder fassen die Handlung zusammen oder sprechen Regieanweisungen. Zu Horváths Dialogen, zum Theaterspiel, kommen sie dagegen selten. Das alles ist so sinnlos wie enervierend. Dazu haben die Regisseure den Mitwirkenden ein choreografisches Konzept aus Gesten, Körperdrehungen und Schritten aufgezwungen, das im Bewegungsradius irgendwo zwischen abgebremster Sportgymnastik, Yoga und dem gestischen Repertoire von Flugbegleitern angesiedelt ist. Es hat vor allem eines zur Folge: die zusätzliche Überforderung der Darsteller.

Einige Jungschauspieler überzeugen

Unter diesen stechen die wenigen ausgebildeten Schauspieler hervor. Maresi Riegner etwa, die neben Valerie Pachner der einzige Grund war, warum man sich 2016 Dieter Berners langweiligen „Egon Schiele“-Film anschauen konnte. Valentina Schüler (in München am Residenztheater in „Hexenjagd“ zu sehen) gehört zu den Ausnahmen, ebenso wie Genet Zegay, Lili Epply, die am Resi in „Die Netzwelt“ mitwirkte, und Ron Iyamu. Wenn diese talentierten jungen Leute einfach einmal ohne Verrenkungs-Bohei den Original-Horváth sprechen dürfen, blitzt für winzige Momente auf, was möglich gewesen wäre.

600 Highwaymen wollten jedoch so unbedingt vom Heute erzählen und haben dabei nicht begriffen, dass dies auch mit „Kasimir und Karoline“ gegangen wären. Die Nacherzählung einer Katastrophe ist aber immer harmloser, als wenn diese sich vor den Augen der Zuschauer unmittelbar entfaltet – erst recht bei einem Autor wie diesem, bei dem es auf jede Dialogzeile, jede Betonung und jede Pause ankommt. Wie ärgerlich. Wie fad. Nett gemeinter Applaus fürs Ensemble, kräftige Buhs für die Regie.

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