Kasperltheater der Extraklasse

- Tritratrallala, Franz Xaver Kroetz ist wieder da. Und wie. Mit seiner mächtigen Regiepranke setzt er dem Bayerischen Staatsschauspiel ein Kasperltheater der Extraklasse auf die Bühne im Münchner Haus der Kunst. Dort inszenierte er "Servus Kabul" von Jörg Graser, eine Uraufführung. Dass aber in diesem bayerischen Schwank nicht wirklich alles von Graser ist, nun ja. Wer Kroetz, den Regisseur, akzeptiert, muss sich wohl gefallen lassen, dass Kroetz, der Autor, sich textmäßig nicht gerade zurückhält.

Wenn das Ergebnis dann so aussieht wie hier: Gott sei Dank! Denn um den geht es in "Servus Kabul". Und um Allah sowieso. Vor allem aber geht's ums Geld, um die Liebe, die keine ist, und darum, dass letztlich das Weltbild in Straubing so verschieden von dem in der islamischen Welt gar nicht ist.

Ein großes, rotes Kasperltheater mit blauem Vorhang. Da fliegen zuerst einmal Stühle heraus. Dann schaut Fanny, das späte Früchtchen, liebreich durch die Gardine. Wenn die aufgezogen wird: Blick frei auf das Innere eines bayerischen Wirtshauses. Es ist Ruhetag. Und weil Fannys möglicher Bräutigam ein superreicher Ägypter sein soll, der ein Münchnerisch spricht, als käm' er von der Schwanthaler Höh', überpinselt sie rasch das Kruzifix, denn gleich wird er aufkreuzen, der Scheich. Und schon rollt lässig eine weiße Stretchlimousine auf dem unteren Rand der Kasperlbühne entlang.

Ein Schaubudeneffekt, der immer wieder eingesetzt wird: Mal ist es ein Panzer, der aus seiner Kanone einen Schuss abfeuert; mal sind es die Twin Towers, die in sich zusammenfallen; mal rast eine wild gewordene Sau, die vor den Schlachtmessern der Frauen flieht, grunzend an der Bande hin und her; mal wird ein schwarzer Muskelprotz als nackter Sklave über die Brüstung geschoben. Dazu allerlei hochschnellende Pappkameraden - drei kleine Hitlers, zwei Hollywoodstars, das Holzbein der türkischen Braut, drei Burka-Puppen als eheliche Kabul-Souvenirs.

Franz Xaver Kroetz hat das vermutlich einzig Richtige aus diesem Stück gemacht: es mit grandioser Radikalität in die große Münchner Tradition der Pocci- und Papa-Schmid-Kasperliaden gesetzt und so dem Text ein literarisches und theatralisches Profil verliehen. Kroetz sprüht geradezu vor Witz und Tollerei. Ein Einfall jagt den anderen. Nichts lässt er aus, keinen Gag, keine Plattitüde, keinen Fettnapf. Die Form des Kasperltheaters macht's möglich. Dabei steuert er zielgerade auf ein versöhnliches Finale à` la Ringparabel zu.

In dem mit wunderbar gemalten Prospekten ausgestatteten Bühnenbild von Jürgen Höfer agieren die von Ann Poppel herrlich schrill kostümierten Darsteller als ihre eigenen Puppenspieler. Undifferenziert und grob sind ihre Typen. Dass es hier nicht um Feinzeichnung geht, wird durch die weißen Fäustlinge signalisiert, die die Schauspieler tragen und damit ihr Kasperldasein symbolisieren. Das alles geschieht mit Witz, Perfektion und viel Gesang. In Kroetz haben sie ihren Regiemeister gefunden.

Insbesondere Ulrike Willenbacher und Eva Gosciejewicz, die immer wieder ihre Schlenkerpuppenbeine kokett über die Brüstung werfen. Wobei Willenbacher das abendländische Knödelmonster gibt, das mit Schnaps und Schweinshaxn den deutschen Nationalcharakter militant behauptet, und Gosciejewicz charmant das harte Luder spielt.

Ein Abend zwischen Harmlosigkeit, makabrer Lustigkeit und bester Provokation. Wenn zum Bayerischen Defiliermarsch ein GSG 9-Schütze aus dem Dachfenster heraus die afghanischen "Drittfrauen" niedermäht, stockt der Atem. Der alte Kroetz - ganz bei sich. Als wär's ein Stück von ihm. Großer Beifall.

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