Kassandra oder Kasachstan

- Die Gewalt der attischen Tragödie, der Tiefenblick in die Seele, die Größe der Bilder, die Leichtigkeit des Slapsticks, das Dokumentarische der Texteinschübe, aber auch die Unbedarftheit mancher privater Improvisationen - das alles ist die "Orestie" des Aischylos (522-455 v. Chr.) in der Neuinszenierung durch Andreas Kriegenburg in der Jutierhalle der Münchner Kammerspiele. Endlich eine diesem großzügigen Raum angemessene Originalproduktion. Denn "Schlachten" und "Macbeth" waren Salzburger Importe.

<P>Und das andere, das hier sonst noch von den Kammerspielen geboten wurde, blieb in der Relation zu diesem Spielort bloß Pipifax. Aber zurück zur "Orestie", dem aktuellsten Dreiteiler des Welttheaters: "Agamemnon", "Das Totenopfer", "Die Eumeniden".</P><P>Ziemlich ernst nimmt dieses Mal der in seinen Arbeiten gern frei assoziierende Kriegenburg den klassischen Text (Übersetzung: Ernst Buschor). Der Macht des Verses, seiner Musikalität will er sich nicht entziehen, dem Schreien, Flehen, Rufen in langgezogenen Vokalen, als befänden wir uns im Dionysos-Theater von Athen selbst. "Wenn dir die Macht der Sprache heilig ist. . .", sagt Göttin Athene _ und über weite Strecken hat Kriegenburg die weise Mahnung respektiert. Aber dazwischen, daneben oder auch gleichzeitig setzt er, meistens klug, reichlich Akzente, Einschübe, Satyrszenen, subjektive Befindlichkeiten und schlägt damit immer wieder eine Brücke ins Heute.</P><P>Kriegenburg, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, hat sich einen fantastischen Raum geschaffen. Die hohen Seitenwände wie der gesamte Boden sind mit leuchtend blauem Wachstuch überzogen. Allmählich wird die Spielfläche zu einer Wasserfläche. Das beginnt in dem Moment, als Kassandra in einer Öltonne auf die Bühne gerollt wird, frisch gehalten in einer Unmenge geschlagenen Eises. Ein Bürger von Argos befreit sie daraus, schüttet Eimer warmen Wassers über sie, ein feiner Wasserschlauch tut sein Übriges. Die Pfützen werden zu einem Meer von Plagen und zum großen Spiegel der handelnden Personen und des Chors.</P><P>In der Mitte der Bühne befindet sich eine fahrbare Wand: im ersten Teil die äußere Palastmauer mit hochgelegener Eintrittstür; im zweiten ist sie geöffnet und stellt das Innere des Agamemnon-Palastes dar - eine 50er-Jahre Hausbar _ sowie in der unteren Hälfte die Zellen der Dienerinnen der Königin. Keine Mauer mehr im dritten Teil, dafür ein großes Segel als Dach über die gesamte Bühne. Auf dem Boden Versatzstücke der Erinnerungen: der Kahn, der in den Hades führt, eine Schulbank aus Großmutter-Zeiten, Kindersarg und Ledersofa, ein Sessel für Athene (kurzfristig und vorzüglich ist Hans Kremer für die plötzlich erkrankte Christa Berndl als Athene eingesprungen).</P><P>Die fast sechsstündige Aufführung fängt mit einem kleinen Vorspiel an: im Zeitraffer Rück- und Ausblick auf die Morde der Atriden, inklusive der Opferung Iphigenies. Dann der eigentliche Beginn. Die Männer und Frauen des glänzend individuell geführten Chores heften Suchzettel mit Fotos ihrer Männer, Väter, Söhne, Brüder an die Wand. Über die Mauer werden Zeitungen geworfen, sie künden vom Sieg: "Troja ist unser." Kriegs- und Nachkriegszeiten aller Jahrhunderte sind jetzt spürbar nah. Das Bett, das Klytaimestra ehebrecherisch mit Aigisthos geteilt hat, fliegt aus dem Palast, mit kleinen Flammen brennt sie die Vergangenheit aus.</P><P>Auch jene Geschichten, die die Frauen aus den Büchern vorlesen _ Texte von April 1945 bis zum 11. September. Den Herold, der sich mit sandverkrusteter, kaputter Haut vor den Palast schleppt, will niemand mehr hören und sehen. Und selbst als der erschöpfte Agamemnon den Platz betritt, wird er zunächst nicht wahrgenommen. Seine Küsse brennen wie auch die Berührungen seiner nackten Arme - Klytaimestra hat doppelten Grund, ihn in die Wanne zu schicken. Später, im zweiten Teil, hören wir erneut vom Brennen der Haut: Apollon beschreibt die tödliche Wirkung biologischer Kampfstoffe.</P><P>Doch immer wieder und gegen Ende immer konsequenter findet die Aufführung zum hohen Ton der Tragödie zurück. Und den beherrschen einige in diesem Ensemble ganz ausgezeichnet. Vor allen anderen hervorzuheben ist hier Nina Kunzendorf, so schön wie stark, als Klytaimestra. In den Mittelpunkt ihrer Gestaltung stellt sie die nicht endende Trauer um die vom Vater für ein bisschen Kriegsglück geopferter Tochter Iphigenie und ihre Verachtung Agamemnons, dem Hans Kremer wirkungsvoll und sprachgewaltig Gestalt gibt. Das gilt ebenso für Michael Neuenschwander als Herold. Sein Talent zur großen, bestimmenden Geste beweist Wolfgang Pregler als Apollon.</P><P>Eine Nummer für sich ist schließlich die hochvirtuos zwischen Improvisation und antikem Versmaß hin- und herwechselnde Ulrike Krumbiegel, die sich nach ihrer glänzenden Kassandra bescheiden in den Chor einreiht. Aus dem Chor heraus tritt indes Christoph Luser, der ab dem "Totenopfer" den Orestes spielt. Ein Schauspieler, der - neu in München _ in seiner Eigentümlichkeit zum Hingucken zwingt: wie er mit aufgerissenen Augen, vorgeschobener Unterlippe zwischen Karikatur und Ernsthaftigkeit fiebrig wankt.</P><P>Letztlich aber zwingt hier die Leistung aller zu höchstem Respekt. Das Ensemble erweist sich gleichermaßen von geistiger wie körperlicher Fitness. Denn die Bühnen-Wasserschlacht ist keine Planschbecken-Alberei. Unter diesem Stichwort lässt sich nur abhaken, was Kriegenburg seinen Schauspielern an so genanntem "Eigenem" zugesteht. Was sich dafür nun jeder ausgedacht hat, sagt viel über den Einzelnen aus. Das ist je nach Intelligenz interessant oder blöd. Mancher hätte hier besser geschwiegen.</P><P>Äußerst redselig, dafür saukomisch aber sind die kabarettistischen Einlagen von René´ Dumont, Stefan Merki und Matthias Bundschuh. Als Satyrspiel liefern sie dreimal - einmal hätte gereicht - ein aberwitziges Gesprächsterzett zwischen George W. Bush, Donald Rumsfeld und Peter Struck. Die Antike ist überall, selbst wenn der US-Präsident Kassandra mit Kasachstan verwechselt und er die Seherin mit seinem Baseballschläger totprügelt. Nach seiner Zukunft befragt hat sie geantwortet: "Da ist nichts."</P><P><BR><BR> </P>

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