Katastrophe der Klöster

- So gewaltig war der Einschnitt, den die Säkularisation im Leben der bayerischen Bevölkerung hinterließ, dass sich Gerüchte und Halbwahrheiten hartnäckig halten konnten. Beim Abtransport der Bücher aus den Klosterbibliotheken zum Beispiel hätten Folianten zur Ausbesserung der Wege herhalten müssen. Historisch belegt ist das nicht. Wahr ist und von Weitsicht und auch Verständnis zeugt, was der Leiter der kurfürstlichen Bücherkommission, Johann Christoph von Aretin, bei der Beschlagnahme der Bibliothek der Tegernseer Mönche äußerte: "Ohne die gegenwärtige Katastrophe wären ihre Schätze nie Gemeingut geworden."

<P>Was dieser Zuwachs von über 450 000 Bänden für die heutige Staatsbibliothek, damals noch Hofbibliothek, bedeutete, welche Probleme der Lagerung, Neuordnung, Katalogisierung und wissenschaftlichen Erschließung er nach sich zog und welche Lösungen gefunden wurden, das zeigt die Ausstellung "Lebendiges Büchererbe" in der Münchner Staatsbibliothek.</P><P>Das Gebäude selbst ist eine mittelbare Folge dieser Kulturrevolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Denn trotz der Erweiterung konnte das Wilhelminum an der Neuhauser Straße, ehemaliges Kollegiengebäude der Jesuiten, die Büchermassen nicht dauerhaft bergen. So wurde 1827 von Ludwig I. der heutige Prachtbau an der Ludwigstraße in Auftrag gegeben - als eines der ersten Bauwerke, mit denen sich der Architekt Friedrich von Gärtner in München profilierte. Als der Bau 1843 fertig war, galt er als eine der gelungensten Bibliotheken, weil er museale und repräsentative Aufgaben mit denen von Forschung und Archivierung verbinden konnte.</P><P>Die Schau huldigt dementsprechend auch der Institution als solcher - mit Bauplänen, Details zur Ausschmückung und einem Modell des Gärtner-Baus. Ein wenig Geduld muss mitbringen, wer sich für die Aspekte der Katalogisierung oder auch der Buch-Restaurierung interessiert. Hintergründe zu den eher nüchtern anmutenden Exponaten - Listen zur Vernichtung freigegebener Bücher oder lateinischer Handschriften, Reisewege und Dokumente der Bücherkommissare - liefert der exzellent gestaltete, ausführlich erläuternde Katalog. Eine wahre Augenweide bietet die Schatzkammer: Sie zeigt die wertvollsten Prachtbände, die durch Säkularisation und Eingliederung reichsunmittelbarer Gebiete in weltliche Reichsfürstentümer erworben wurden. Allen voran den üppig mit Edelsteinen, Gold, und Perlen verzierten "Codex aureus". Ein Evangeliar der Hofschule Karls des Kahlen aus dem 9. Jahrhundert, das dem Regensburger Benediktinerkloster St. Emmeram gehört hatte. Wie sein Einband zählt seine Buchmalerei zu den hervorragendsten Werken karolingischer Kunst.</P><P>Im Besitz des Augustinerchorherrenstifts Polling, der damals größten Bibliothek in Bayern, hatte sich der Koran des Pè`re Lachaise befunden, der bei der Auflösung des Pariser Jesuitenkollegs 1763 veräußert worden war. Und noch eine Schrift mit fremden Zeichen ist zu bestaunen: die Passah-Haggada mit hebräischen und aramäischen Texten zum Passahfest. Ein wunderschönes Beispiel für jüdische Buchkunst des Mittelalters in Bayern.</P><P>Bis 30. Januar '04. Tgl. 10 bis 17 Uhr. Do. bis 19.30 Uhr. Vom 24. Dezember bis 1. Januar und am 6. Januar geschl. Katalog: 240 Seiten, 50 Farbabbildungen, 15 Euro.</P>

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