Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

- "Ach, dass du kalt oder heiß wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch heiß, will ich dich ausspeien aus meinem Munde": Mit spätromantischem Musiktheater scheint die kompromisslos-düstere Warnung aus der Offenbarung des Johannes wenig zu tun zu haben - und doch steht die Kritik, die Herbert Wernicke in seiner "Ring"-Inszenierung für die Bayerische Staatsoper zu formulieren gedachte, an Einschlagskraft dem Apokalyptiker in nichts nach.

Denn die Frage, wer letztlich schuld sei an Wahn und Lieblosigkeit in der Welt, hat Wernicke kurz vor seinem Tod gegen die gekehrt, die dem Spektakel zuschauen. So könnte sein "Rheingold", das ist anlässlich der Wiederaufnahme zur ersten kompletten, zyklischen Aufführung zu ahnen, der bewegendste Abend des Münchner "Rings" bleiben - vorausgesetzt, David Aldens "Walküre" (7. Mai) schließt sich dem Konzept kleinteilig-verspielter Unruhe von "Siegfried" und "Götterdämmerung" an. Die zumindest werden an unbarmherziger Exaktheit von Wernicke bei weitem übertroffen.

Ohne dass dabei irgendwelches Pathos oder Hoch-Gehänge im Spiel wären, im Gegenteil: Klein, lächerlich sind diesen saturiert-bürgerlichen Göttern die Symbole von Lebensfülle und Macht geworden. Der Rhein? Ein Aquarium. Walhall als Miniaturtempelchen, am Ende mit dem Gebäude der Bayerischen Staatsoper gleichgesetzt - der elitäre Konsum von Hochkultur als Ersatz für ein Leben in Lieb- und Leidenschaftslosigkeit.

Unter der Parlando-Oberfläche der Ton illusionsloser Bitterkeit

Sonst: Satte Müdigkeit, Ennui allerorten; matte, vorgespiegelte Gegenwehr der Rheintöchter, als Alberich den Goldbrocken aus dem Fischbecken klaut, kaum Empörung in den Reihen des bildungsbürgerlichen Publikums im Bayreuther Festspielhaus, wenn man ihm den Schmuck von den Hälsen reißt. Falsch und feig ist, was dort droben sich freut.

Vital, authentisch sind hier nur die, die an den scheinbaren Privilegien von Bildung und geistiger Verfeinerung nicht teilhaben: allen voran der mürrisch-gierige Buchhalter Alberich, durch die sängerische und darstellerische Verdichtung Franz-Josef Kapellmanns die Zentralfigur des Stücks. Die - normalformatigen - Riesen in ihren braunen Anzügen: Kurt Rydl als Fafner mit bedrohlicher Stimmgewalt und der Grobheit des Emporkömmlings, Fasolt aber ein sehnsuchtsvoller junger Mann ohne alle Grobschlächtigkeit, von Jyrki Korhonen mit lyrisch-reich strömender Stimme überzeugend interpretiert.

Überhaupt sängerische Leistungen auf homogen hohem Niveau, als gäbe es derzeit an der Staatsoper so etwas wie ein Wagner-Ensemble. Zubin Mehta und das Bayerische Staatsorchester nehmen Wernickes analytische Klarheit präzise, pulsierend auf: Unter der Parlando-Oberfläche des bürgerlichen Konversationsstücks ein Ton illusionsloser Bitterkeit; trocken-desperat trotz allen orchestralen Prunkens der finale Einzug der Götter nach Walhall. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

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