Katharina Wagner
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„Ich bin nicht nur geheilt, sondern wirklich gesund“: Bayreuths Festspielleiterin Katharina Wagner (42) lag aufgrund einer lebensbedrohlichen Erkrankung längere Zeit im Koma.

Interview über ihre Krankheit, den Sommer 2021 und eine mögliche Neustrukturierung

Katharina Wagner über die Zukunft der Bayreuther Festspiele: „Es geht weiter und voran“

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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„Ich möchte unbedingt, dass die Festspiele 2021“ stattfinden, sagt Katharina Wagner. Und kündigt dafür Hochkarätiges an.

Queen Elizabeth sprach einmal vom „Annus horribilis“. Ein solches schreckliches Jahr hat Katharina Wagner hinter sich. Im Frühjahr erkrankte sie an lebensbedrohlichen multiplen Thrombosen und an einer Lungenembolie. Wochenlang lag die Bayreuther Festspielleiterin im Koma. Darüber hinaus musste das Festival wegen der Pandemie abgesagt werden. Seit Herbst sitzt die 42-Jährige wieder am Schreibtisch und ist voller Tatendrang. Die Festspiele sollen nach bisheriger Planung am 25. Juli 2021 mit einer Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ eröffnet werden.

Wie geht es Ihnen?

Glücklicherweise sehr gut. Alles ist vollständig in Ordnung. Viel Eigenleistung war dafür erforderlich. Man muss einfach etwas tun, damit man sich quasi uneingeschränkt wieder herstellen kann. Seit Mitte September arbeite ich wieder. Ich bin nicht nur geheilt, sondern wirklich gesund.

Denkt man nach einer solchen schweren persönlichen Krise anders über die Festspiele nach? Was haben Sie mitgenommen aus dieser Zeit?

Auch wenn es einfach klingen mag: dass man dankbar sein muss, wenn man gesund ist. Lustigerweise erkennt man ja als Gesunder nie vollständig, was es heißt, ohne Krankheit zu sein. Man lernt durch eine solche Krise schätzen, was Gesundheit tatsächlich wert ist. Im Grunde mehr als alles andere. Sie ist durch nichts zu bezahlen. Ansonsten bin ich völlig damit beschäftigt, die Festspiele im kommenden Sommer zu planen. Ich möchte unbedingt, dass sie stattfinden. Wir müssen gerade jetzt ein positives Zeichen setzen, dass es weiter und vorangeht. Bei allen Beteiligten inklusive der Gesellschafter ist der absolute Wille da, dass sie durchgeführt werden.

Asmik Grigorian singt im neuen „Fliegenden Holländer“ die Senta.

Eigentlich sollte Ihr Spielplan noch im Dezember bekannt gegeben werden. Wann wird es nun so weit sein – und wie sieht er aus?

Ich gehe davon aus, dass wir Ende Januar alles veröffentlichen. Ein paar Details kann ich allerdings verraten. „Lohengrin“, das ist ja schon bekannt, wird für ein Jahr pausieren und erst 2022 wiederaufgenommen. Dafür planen wir im kommenden Sommer drei Konzerte. Den Dirigenten und das Programm kann ich leider noch nicht verraten. Für die Neuproduktion des „Fliegenden Holländers“ haben wir eine hochkarätige Besetzung. Asmik Grigorian wird die Senta singen, John Lundgren den Holländer, Georg Zeppenfeld den Daland und Eric Cutler den Erik. Und mit Oksana Lyniv steht erstmals eine Dirigentin am Pult des Festspielorchesters. Dmitri Tcherniakov wird inszenieren. Das dürfte alles sehr spannend werden.

Nikolaus Habjan entwickelt eine eigene „Rheingold“-Version.

Es heißt, Sie zeigen auch eine Wagner-Oper als „Performance“. Was heißt denn das?

Ich wollte die „Walküre“ nicht konzertant ansetzen. Diese besondere Fassung hat nichts mit dem Regisseur Valentin Schwarz zu tun, er wird seinen „Ring des Nibelungen“ 2022 erstmals zeigen – also zwei Jahre später als ursprünglich geplant. Der späte Termin ist notwendig, weil wir im kommenden Sommer für den „Ring“ eine Probenphase einlegen müssen. Wir wollten außerdem bei der Bayreuther Besonderheit bleiben, dass der „Ring“ komplett herausgebracht wird. Deshalb wird sich also bei den nächsten Festspielen ein Performance-Künstler der „Walküre“ annehmen. Darüber hinaus gibt es zum Thema „Ring“ einige andere Programmpunkte. So wird es am Teich im Festspielpark unterhalb des Hauses eine „Rheingold“-Bearbeitung geben in einer Konzeption und Realisation des Puppenkünstlers Nikolaus Habjan. Der Komponist Gordon Kampe hat dafür eine Version geschrieben, die er dirigieren wird. Zu „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ wollen wir auch etwas bieten. In dem Sinne wird es also kein vollständig „Ring“-loses Jahr werden.

Wie viele Aufführungen bieten Sie dann insgesamt an?

Nach bisheriger Planung und inklusive der drei Konzerte wird es 25 Termine geben. Durchschnittlich haben wir ja 28, sodass dies angesichts der augenblicklichen schwierigen Gesamtlage doch eine respektable Zahl ist.

Ende 2020 läuft der Vertrag Ihres Musikdirektors Christian Thielemann aus. Warum wurde dieser noch nicht verlängert?

Weil wir diesen Vertrag einfach neu gestalten müssen. Der alte ist auch aufgrund anderweitiger Verpflichtungen von Herrn Thielemann so nicht mehr erfüllbar. Deswegen wollen die Festspiele mit ihm eine neue Vereinbarung gestalten. Da 2020 Corona-bedingt alles ausgefallen ist und dies massive dispositionelle Folgen hatte, waren sowohl Christian Thielemann als auch ich der Meinung, dass wir uns zunächst um die Spielzeit 2021 kümmern sollten. Diese hat absolute Priorität. Der neue Vertrag mit der genauen Definition der Aufgaben war erst einmal nachrangig. Allen Verschwörungstheoretikern zum Trotz gibt es also kein Zerwürfnis oder Ähnliches.

Salzburg hält einen Teil der Kartenkontingente zurück, weil man noch nicht weiß, wie sich 2021 entwickelt. Wie handelt Bayreuth? In Ihrem Festspielhaus sitzt man ja noch enger.

Das ist richtig. Wir müssen die Entwicklung und die jeweiligen aktuellen Bestimmungen abwarten. Ich gehe davon aus, dass auch wir erst einen Teil der Karten verkaufen. Derzeit rechnen wir zunächst mit 200 Plätzen pro Aufführung in unserem knapp 2000-Plätze-Haus. Die Grundlage dieser Annahme war die in Bayern eine Zeitlang geltende Zuschauergrenze abgesehen von den Pilotversuchen an der Bayerischen Staatsoper, am Gasteig und in der Nürnberger Meistersingerhalle mit jeweils 500 Besuchern. Wir starten den Vorverkauf auch nicht so früh wie sonst, normalerweise hätte er längst begonnen.

Salzburgs Intendant Markus Hinterhäuser sagte unserer Zeitung, noch einmal eine Saison wie 2020 stünden seine Festspiele nicht durch – obwohl viele Veranstaltungen stattfanden. Und Bayreuth? Immerhin gab es 2020 dort gar nichts.

Sagen wir es so: Dadurch dass wir relativ früh entschieden hatten, die Saison ausfallen zu lassen, konnten wir eine finanzielle Katastrophe abwenden. Je weniger Zuschauer 2021 im Haus zugelassen sind, desto problematischer wird es, das ist ganz klar. Deshalb hoffen wir alle darauf, dass es im kommenden Sommer mehr als 200 sein dürfen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat gerade kundgetan, sie wolle an der Organisationsstruktur Bayreuths rütteln. Der Bund ist ja einer der großen Gesellschafter. Hat Sie dieser Vorstoß überrascht?

Nein, überhaupt nicht. Das Problem liegt seit Jahren auf dem Tisch, dass wir in Bayreuth teilweise mit sehr veralteten Strukturen arbeiten müssen. Ich bin der Kulturstaatsministerin sehr dankbar, dass sie in dieser schwierigen Zeit, in der sie viele andere Probleme zu lösen hat, sich dieses Problems annimmt und den Festspielen mit ihren vielen Mitarbeitern effizientes, zeitgemäßes Arbeiten auf künstlerisch höchstem Niveau ermöglichen möchte.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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