„Aus den Streichern auch das herausholen, wofür sie nie eingesetzt werden“: Die Schweizer Komponistin und Geigerin Helena Winkelman. foto: mko

Uraufführung beim Kammerorchester

Helena Winkelman über ihre „Bildergeschichten“

München - Eine flott hingestrichelte Bildergeschichte mit einem Erdmännchen als Beutetier, einer Raubkatze als Jäger und einem gefiederten Freund, der halb Warnvogel, halb Geier ist, das war die Inspirationsquelle für Helena Winkelmans Auftragswerk, das sie fürs Münchener Kammerorchester und die „musica femina münchen“ (mfm) komponiert hat.

Uraufgeführt werden ihre „Bandes dessinées“ (Bildergeschichten) heute im Prinzregententheater.

„Komponistinnen entdecken und fördern“, das ist seit 1988, dem Gründungsjahr der mfm, das Anliegen des Vereins, der sich zunächst meist um die Werke verstorbener Komponistinnen kümmerte und Aufführungen organisierte. Mittlerweile sind heutige Tonschöpferinnen in den Fokus gerückt. Seit 2002 vergibt musica femina alle zwei Jahre einen Kompositionsauftrag. Partner dabei ist das Münchener Kammerorchester.

Ihm schrieb diesmal die 38-jährige Schweizerin Helena Winkelman ihr Streicherstück auf den Leib. Als studierte Geigerin, die fünf Jahre lang in Claudio Abbados Lucerne Festival Orchestra spielte, weiß sie, was sie den Kollegen abverlangen kann. „Ich schreibe schwer“, bekennt Winkelman, die noch viel als Solistin unterwegs ist und in Basel ihr eigenes Ensemble, die Camerata Variabile Basel, leitet. „Ich will aus den Streichern auch das herausholen, wofür sie nie eingesetzt werden“, sagt sie und erzählt, dass ihre „Bandes“ die Streicher wie eine Big Band fordern. „Es ist eine neue Sprache, die die jungen Musiker, die auch Jazz und Pop hören, schon draufhaben. Natürlich verlange ich bei diesem ‚Mickey-Mousing‘, dieser Bewegungsillustration, ungewohnte Rhythmen und Spieltechniken.“

In ihrer kleinen, feinen, bösen Bildergeschichte spielen die Geigen das zunächst noch kesse Erdmännchen, dem die „sehr hungrigen Celli und Bässe“ dann arg zusetzen. Zweite Geigen und Bratschen warnen vergebens und mutieren schließlich zum Geier, der auch noch was abbekommt…

Das Fressen oder Gefressenwerden, ein Naturgesetz, will Helena Winkelman ganz ohne Pathos schildern. „Natürlich hört man das Anschleichen, die Jagd und auch den Todesschrei.“ Dennoch wehrt sie sich gegen den Begriff Programmmusik. „Es ist eher eine Bewegungsmusik, die von den Musikern eine starke Identifikation erfordert. Die Musik funktioniert auch, wenn man die Bildergeschichte nicht kennt“, betont die Komponistin.

Ein tiefes Ausdrucksbedürfnis beflügelte Helena Winkelman schon immer. Es äußerte sich zunächst in Gedichten und Zeichnungen. Ans Notenschreiben traute sie sich erst während ihrer Studienzeit in New York. „Ich hatte anfangs eine große Scheu vor dem Komponieren, auch einen zu hohen Anspruch. In New York fühlte ich mich wie auf einem Satellit, der die Erde umkreist. Zeiten und Kulturen wirbelten umeinander, und ich fand plötzlich die Freiheit zu komponieren.“

Dass sie als Schweizerin auch einen Hang zur – und das betont sie – „authentischen“ Volksmusik hat, verwundert nicht. Mit Noldi Alder aus Appenzell kombinierte sie Volksmusik und Neue Musik und schwärmt: „Das bricht sich wunderbar und wertet beide Seiten auf.“ Hackbrett und Alphorn gehören auch zu dem von ihr eingesetzten Instrumentarium, manchmal lässt sie auch Ländler oder Walzer durchschimmern. Dem Erdmännchen aus ihren neuen „Bandes dessinées“ wird aber wohl kaum zum Tanzen zumute sein…

Konzert

am Donnerstag, 20 Uhr, im Prinzregententheater, aufgeführt werden noch Boris Blachers Quintett für Bläser und Streicher, Ligetis Violinkonzert und Schuberts Vierte; Telefon 089/ 46 13 64 30.

Gabriele Luster

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