Kaum Zeit fürs vierte Leben

- Schuberts kurz vor seinem Tode entstandenes Streichquintett in C-Dur krönt den heutigen Kammermusikabend des Rosamunde-Quartetts im Herkulessaal (20 Uhr). Als fünfter Partner gesellt sich der Cellist Heinrich Schiff zum eingeschworenen Viererteam.

<P>Haben Sie schon öfter zusammen musiziert?</P><P>Schiff: Wir fünf kennen uns seit Jahrzehnten, haben auch schon in verschiedenen Formationen gespielt, aber mit dem gesamten Quartett arbeite ich bei diesem Schubert zum ersten Mal zusammen.</P><P>Sie haben das Werk früher mit dem Alban Berg Quartett aufgeführt und eingespielt. Wie kompliziert ist es für Sie, sich als Solist einzugliedern?</P><P>Schiff: Es ist einfacher als mit einem Orchester. Denn ein Quartett ist im Grundgefüge fester, weniger beeinflussbar. Es stellt eine starke Konstante dar, "verteidigt" seinen Stil quasi gegen den Fünften. Man muss sich vorher im Klaren sein, dass man mit einem Quartett stilistisch übereinkommt. Dann wirkt man als Dazugefügter, nicht als Störfaktor. Natürlich bringt man sich im Spiel mit ein, stellt bei den Proben seine eigenen Fragen, die auf dem persönlichen Verhältnis zum Stück basieren. Aber genau das ist ja der Grund, weshalb man zusammenarbeiten will.</P><P>Sie haben sich auch als Dirigent einen Namen gemacht, unter anderem in Chefpositionen in Kopenhagen und Winterthur. Warum gingen Sie keine neue feste Bindung ein?</P><P>Schiff: Dafür gibt es drei Gründe. Erstens: Vor drei Jahren hatte ich große Probleme mit der linken Hand, musste mich zwei Operationen unterziehen und wusste nicht, ob ich überhaupt noch Cello spielen kann. Dass ich es wieder konnte, empfand ich als Geschenk und Wink des Schicksals, mich verstärkt meinem Instrument zu widmen. Zweitens: Als ich mit 35 Jahren spät zu dirigieren begann, musste ich mir ein Repertoire erarbeiten, was man eigentlich nur als Programm-bestimmender Chef kann. Diese Aufbau-Phase ist abgeschlossen. Drittens: Die Angebote, die ich bekam, reizten mich nicht. Als Gast bin ich immer wieder gern beim Hallé´-Orchester in Manchester, bei den Rundfunkorchestern in Köln und Hamburg oder der Santa Cecilia in Rom.</P><P>Sie haben vereinzelt Ausflüge in die Oper unternommen, unter anderem in Berlin mit einem umstrittenen "Fidelio" . . .</P><P>Schiff: Ja, aber neben meinen drei Leben als Cellist, sinfonischer Dirigent und Hochschullehrer in Wien ist der Zeitaufwand für ein viertes Leben als Operndirigent zu groß. Die wochenlangen Einstudierungen und Aufführungsblöcke sind zeitlich kaum realisierbar. Außerdem muss man darauf achten, dass die künstlerischen Konzepte zusammenpassen, die Welten nicht so aufeinander prallen und auseinander brechen wie bei meinem Projekt in Berlin.</P><P>Sie haben sich immer für die zeitgenössische Musik eingesetzt.</P><P>Schiff: Es ist ein intensiver, pausenloser, immer wiederkehrender Kampf. Als Orchesterchef habe ich viele Aufträge an junge Komponisten vergeben und mit meinen Orchestern die lokale und nationale Anbindung an die Neue Musik gesucht.</P><P>Können Sie mit Ihrem Namen bei den Konzertveranstaltern Neues leichter durchsetzen?</P><P>Schiff: Ich bin kein Star wie Rostropowitsch oder Yo-Yo Ma, die das können. Ich werde dann auch schon mal ausgeladen wie beim Rheingau-Festival, wo ich Lutoslawski im Programm hatte. Aber wenn das Sektglas wichtiger ist als die Kunst, dann hat man keine Chance. Trotzdem bleibe ich beharrlich und biete immer wieder an, bei avantgardistischen Stücken mit dem Publikum zu sprechen, ein Werk zu erklären. Das macht mir Freude und bringt Erfolge.</P><P>Beim Münchener Kammerorchester sind Sie im Frühjahr 2003 als Dirigent und Solist zu Gast. Machen Sie das öfter?</P><P>Schiff: Ich habe gelegentlich Schostakowitschs erstes Cellokonzert oder Tschaikowskys Rokoko-Variationen vom Cello aus dirigiert. Das ist wahnsinnig aufregend. Bei Haydn halte ich es für die natürlichste Art des (Kammer-)Musikmachens. Beim Münchener Kammerorchester steht eine seltene Konstruktion an: Da werde ich Mozart dirigieren, bei Vivaldi dirigieren und spielen und in John Caskens Cello Concerto nur Solist sein, derweil der Komponist selbst dirigiert.<BR></P>

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