Kehrseite eines Abenteuers

- Rosenheim schickt seine Besucher in die Wüste. Dünen breiten sich aus, Sandstürme werden simuliert, Edelsteine gefunden und Überlebenskünstler menschlicher und tierischer Art besucht. Eine Karawanserei, aus Sand gebaut, zeugt von der bitter nötigen Anpassungsfähigkeit an die wandelbare Natur.

Neben einer gehörigen Portion Romantik inmitten ockerfarbener Bauten und glänzender Dekoration geht es nämlich ums nackte Überleben: 135 Millionen Menschen laufen derzeit Gefahr, durch die Ausbreitung der Wüsten zu verarmen und verdrängt zu werden.

Um auf die Kehrseite des Abenteuers in der Ödnis aufmerksam zu machen, hat die UNO 2006 zum Jahr der Wüste ausgerufen. Im Falle der Landesausstellung im Lokschuppen entpuppt sich "Die Wüste" als eine Service-Oase.

Geschmolzener Sand und edle Stoffe

"Wir werden dafür bezahlt, dass wir die Wissenschaft so umsetzen, dass sie weiterhin seriös ist, aber jedermann anspricht." Claudius Müller vom Münchner Völkerkundemuseum fasst zusammen, auf welchen Nenner er sich mit Archäologen, Natur- und Kulturwissenschaftler geeinigt hat. Mit Erfolg: 700 Pädagogen haben sich schon für das bisher größte Projekt in Rosenheim angemeldet. Kein Wunder, werden doch alle Fachrichtungen bedient.

Zu Beginn ein Blick in die graue, aber wasserreiche Vorzeit: Kairos versteinerter Wald und das Skelett eines Fischsauriers aus der Sahara zeugen von einst fruchtbarem Land. Niederschlags- und Verdunstungssäulen stellen dar, was die Wüsten verursacht. Dann beginnt die Reise in die Sahara: Salz-, Kies-, Fels- und Ablagerungsformen zeugen von einer geheimen Vielfalt.

Spektakulär der bei einem Meteoriteneinschlag zu "Wüstenglas" geschmolzene Sand, spektakulär auch die Saurier- und Krokodil-Versteinerungen. Felszeichnungen von 5000 vor Christi belegen frühe Viehzucht. Keramiken mit Wassergottheiten machen dann den Klimawandel und die zunehmende Bedeutung des kostbaren Nass' klar.

Wasser: Mit teilweise verheerenden Folgen versucht man seit Jahrzehnten, der Knappheit Herr zu werden. Libyen jagt auf 3380 Kilometern Länge in den Rohren des "Man Made River" das Grundwasser durchs Land und nimmt für seine Autonomie wahnwitzige Verdunstungsraten und schwindende Ressourcen in Kauf. Das Toshka-Projekt in Ägypten pumpt mit einer monströsen Anlage Nilwasser in die trockenste Gegend der Erde, um dort Landwirtschaft zu betreiben.

Dabei gibt es auch ganz andere Strategien, um der Dürre zu trotzen. Fauna und Flora machen es vor. Agaven bauen auf das Brunnenprinzip und saugen mit überlangen Wurzeln Wasser, Kakteen sind perfekte Speicher mit geringer Verdunstung. Schwarzkäfer haben ein Tausammel-Prinzip entwickelt, das der Mensch mit Nebelnetzen und Auffangrinnen imitiert.

Trotzdem, das Überleben für die Wüstenvölker ist hart. Die australischen Ureinwohner schwanken heute zwischen überlieferten Praktiken im Busch und dem sozialen Absturz in modernen Wellblechhütten. Die Buschleute in der Kalahari mussten ihre naturnahen Tricks durch Jahre der Vertreibung und der Romantisierung hindurch retten. Die berühmten Tuareg der Sahara schlagen sich mit Viehhandel durch und überleben nur mit einer ausgeklügelten Sozialstruktur.

Dass trotz der Kargheit berauschende Kulturen mit Luxusgütern wie glitzernden Mineralien, Schmuck, Gewürzen und edlen Stoffen entstanden sind, macht das Beispiel der innerasiatischen Seidenstraße und ihrem blühenden Handel zwischen 7. und 15. Jahrhundert klar. Das lässt erahnen, was es in den 16 Wüsten weltweit zu entdecken gibt.

Bis 8. Oktober mit umfangreichem Begleitprogramm. Katalog: 24,90 Euro. Tel. 08031/ 365 90 36

Internet: www.lokschuppen.de und www.wueste2006.de.

Parallel zur Ausstellung erschien bei Frederking & Thaler sein Foto-Band "Die Wüsten der Erde - 365 Tage" (34 Euro).

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