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Hallgrímur Helgason blättert in seinem neuen Roman.

Keifen und Begreifen

München - Hallgrímur Helgason stellt „Eine Frau bei 1000°“ in München vor. Ein Blick auf den Roman, aus dem der Autor am Donnerstagabend im Münchner Literaturhaus lesen wird:

Sofort keift sie los. Ohne Warnung oder Gnade knallt die 80-jährige Herbjörg dem Leser ihre Ansichten ins Gesicht – über ihre Heimat Island, über ihre Söhne, die „schrecklich liebe, langweilige Dumpfbacken“ sind und daher „Jeanshosenzicken“ heirateten, über die Männer und Frauen in ihrem eigenen Leben und über die Zeitläufte, längst vergangene und ganz aktuelle.

Nein, diese alte Dame, die Erzählerin in Hallgrímur Helgasons neuem Roman „Eine Frau bei 1000°“, ist keine Sympathieträgerin: In einer Garage nahe Reykjavík gammelt sie dahin, durch das Internet ist sie mit der Welt verbunden, und ihre Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg muss stets in Reichweite liegen. Mitgefühl ist ein Fremdwort für Herbjörg – hart ist sie auch gegen sich selbst: Ihr Anruf im Krematorium, um den Termin für ihre Einäscherung zu vereinbaren und sich über die Temperatur im Ofen zu informieren (der Romantitel verrät: es sind 1000 Grad Celsius), nimmt die Krematoriums-Mitarbeiterin mehr mit als Herbjörg selbst.

Mit dieser furchtbaren Frau hat Hallgrímur Helgason, 1959 geboren und heute einer der meistgelesenen Autoren Islands, eine großartige Figur geschaffen – wie es auch Auftragskiller Toxic aus seinem Roman „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ eine war. Keine Frage, Herbjörg ist eine „mondäne Dame von Welt“, wie es an einer Stelle dieses wilden Buchs heißt. Zudem versteht sie es, den Reichtum der Sprache in seiner lieblichen und derben Spielart virtuos zu nutzen.

Doch Helgason, der seinen Roman am Donnerstagabend im Münchner Literaturhaus vorstellt, berichtet nicht nur vom allmählichen Sterben und häufigen Schimpfen seiner Heldin. Er lässt Herbjörg aus ihrem Leben erzählen, von ihren Irr- und Wirrläufen durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dieser Kniff fügt dem Roman jenseits seines großen komischen Potenzials eine weitere, bedenkenswerte Ebene hinzu. Natürlich formuliert Herbjörg auch dann gerne krass, wenn es ums große Ganze geht. Der Leser ist’s ja inzwischen gewohnt. So zeigt sie sich etwa erstaunt darüber, „wie prüde Fanatiker sind, sobald es um Kunst geht. Die Nazis schickten ein ganzes Volk in die Gaskammern, aber Entstellungen auf Leinwand ertrugen sie nicht.“

Doch je mehr man über dieses (fiktive) Leben erfährt, je mehr man liest, was diese Frau im Krieg durchmachen musste, desto mehr versteht man, warum sie wurde wie sie ist. Hallgrímur Helgason erzählt hier stellvertretend vom Schicksal vieler Frauen im 20. Jahrhundert. Übers Keifen setzt das Begreifen ein. Dass sein Roman zudem großartig unterhält, versteht sich dabei eigentlich von selbst.

Hallgrímur Helgason:

„Eine Frau bei 1000°“. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Tropen Verlag, 400 Seiten; 19,95 Euro.

Hallgrímur Helgason liest am Donnerstagabend, 20 Uhr, im Literaturhaus München, Karten unter Tel.: 089/ 29 19 34 27.

Von Michael Schleicher

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