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Der Autor Albert Ostermaier will in seinem neuen Stück Franz Josef Strauß der „Königludwigisierung“ entreißen.

„Kein besserer Start als mit Strauß“

München - Der Schriftsteller Albert Ostermaier spricht im Merkur-Interview über sein Franz-Josef-Strauß-Stück „Halali“ und die Intendanz von Martin Kusej.

Zur Spielzeiteröffnung am Bayerischen Staatsschauspiel eine Uraufführung im Cuvilliéstheater: „Halali“, das Stück, in dem Franz Josef Strauß die Hauptrolle spielt. Ein Königsdrama sozusagen, das der Münchner Autor Albert Ostermaier (44) schrieb. Premiere ist am Freitag.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der neuen Resi-Mannschaft?

Ich kenne Martin Kusej schon seit zwanzig Jahren, er ist einer meiner engsten Freunde und hat mit seinen Arbeiten wesentlich das mitgeprägt, was für mich Theater bedeutet, was befeuert. Seine Unbedingtheit und Radikalität, die Kompromisslosigkeit seiner Ästhetik und Tiefenschärfung empfand ich immer als eine Befreiung und Ermutigung, auch im Schreiben an die Grenzen zu gehen, wo es uns schwindelt, wenn wir hinabsehen.

-Hat Intendant Martin Kusej denn gesagt: „Schreiben Sie uns ein Stück über die bayerische Legende Strauß“?

Nein, der Vorschlag kam von mir. Ich habe es immer bedauert, dass wir nicht diese Tradition haben, Politiker auf die Bühne ins Licht zu setzen wie etwa die Briten. Und ich dachte: Für solch einen Anfang gäbe es keinen besseren Startschuss und keine bessere Verortung, als mit Strauß zu beginnen, der ja mit Bayern in eins gedacht wird. Aber, das mag jetzt absurd klingen, ich hatte auch den Eindruck, dass man ihn ein wenig dem Vergessen und der Folkloreverklärung entreißen muss, dieser Königludwigisierung. Gerade heute, wo es so eine Sehnsucht nach Politikern mit Schärfen und Kanten gibt, lohnt es sich, Strauß wieder zu vergegenwärtigen.

Ihre Hauptfiguren heißen Plisch und Plum. So wurden Strauß und Karl Schiller in der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger genannt. Bei Ihnen bildet sich Plisch ein, Strauß zu sein. Aber wer ist in dem Stück Plum?

Plum ist eher Puck als Schiller. Es ist ein Königsdrama, und er ist der Narr. Aber er hat im Kreuz noch eine andere Figur, die ich aber jetzt nicht verraten möchte, weil noch nicht klar ist, welcher Schluss gespielt werden wird.

Komödie oder Tragödie? Als was würden Sie „Halali“ bezeichnen?

Es ist eine Komödie mit einem Lachen, das im Hals stecken bleibt, und eine Tragödie, der das Lachen noch nicht vergangen ist. Das Stück hat ein lachendes und ein weinendes Auge.

In Ihrem Roman „Schwarze Sonne scheine“ lassen Sie Figuren auftreten, die durchaus real existierenden Menschen zuzuordnen sind. In „Halali“ ist das auch der Fall. Hier marschieren Typen aus der bayerischen Polit- und Amigoszene auf, zum Beispiel Klinikchef Valentin Argirov oder Hendlkönig Friedrich Jahn. Haben Sie keine Angst vor Einstweiligen Verfügungen?

Dann dürften keine Zeitungen erscheinen. Ich verwende nur Material, das öffentlich zugänglich ist, das publiziert wurde, das jeder kennt. Nur ist die Sichtweise und ist die Perspektive eine neue, andere, und es ist in diesem Kontext von vornherein klar, dass hier keine Gerichtsverhandlung stattfindet, sondern Theater. Außerdem sind meine Figuren nie denunziert, da langt etwa das Kabarett ganz anders zu. Mich interessieren die Widersprüche, das Tragische, das Wollen.

Auch Max Strauß, der Sohn, gehört zum Personal Ihres Stücks. Wer ist für Sie interessanter – Plisch, der sich einbildet, Franz Josef Strauß zu sein, oder Max, der echte Sohn?

Wie gesagt, das Ganze findet in einem Theaterrahmen statt. Er ergibt eine Szene, die wie eine Familienaufstellung funktioniert. Und insofern ist von Anfang an klar, dass hier nicht reale Personen abgebildet werden, aber sicherlich eine Auseinandersetzung mit ihnen und mit dem, was sie darstellen oder was ihnen widerfahren ist. Ich habe mich mit Max Strauß getroffen und war begeistert über seine Offenheit, berührt von dem, was er durchgemacht hat an Zuschreibungen und Vorverurteilungen. Er ist ein unglaublich gebildeter, interessanter Gesprächspartner, und es ist natürlich für mich als Dramatiker spannend zu sehen, wie jemand bei einem solchen Überichvater darum kämpfen muss, sich als eine eigene Persönlichkeit wahrnehmbar zu machen. Diese Geschichte wäre sicherlich einen Roman wert. Vom Schreiben und dem Dramatischen her ist an Plisch natürlich interessant, dass er mehrere Wirklichkeits- und Wahrnehmungsebenen verbinden und im besten Fall verrücken kann.

Ihr Stück spielt in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie. Ist das für Sie – dramaturgisch gesehen – der Rahmen, in dem der Autor alles darf? Und das Theater auch? Ist das eine Art Narrenfreiheit?

Sind Narren frei? Oder die, die närrisch sind? Die Idee zur Psychiatrie kam mir, als ich hörte und später auch im „SZ“-Magazin las, dass Max Strauß und Michael Stiller, der auch bei mir vorkommt, sich dort begegnet sind, was eine aberwitzige Ironie des Schicksals ist. Damit waren die Stückidee und der Ort gegeben. Was darf ein Autor? Was darf er nicht? Er darf nicht seine Figuren denunzieren, er muss sie lieben. Es ist ja absolut deutlich, was für ein Horror Depressionen sind und was für ein Leidensweg, der dort durchschritten wird. Ich habe die Psychiatrie nicht als Sicherheitsrahmen gewählt, das würde mich nicht interessieren. Ich wollte in die Gegenwart und nicht in der Vergangenheit bleiben, ich wollte das Atridenhafte dieser Schicksale zeigen, auch im Sinne eines Mitleidens.

Beziehen Sie sich mit dem Schauplatz einer „Irrenanstalt“ bewusst auf Peter Weiss‘ „Marat/Sade“-Stück?

Natürlich spielt das auch mit eine Rolle, denn dort spielen sie auch Theater auf dem Theater.

Überhaupt zitieren Sie oft die Literatur – von der antiken Euripides-„Elektra“ über Shakespeares „Richard III.“ bis zum expressionistischen „Vatermord“ von Arnolt Bronnen: Warum? Sehen Sie vielleicht in Franz Josef Strauß von allen ein bisschen?

Für mich ist Schreiben immer auch ein Dialog mit dem, was schon geschrieben worden ist. Das sind Echoräume, die einfach da sind, das sind die Stimmen im Hinterkopf. Dass diese große Literatur zitiert wird, hängt damit zusammen, dass es sich eben um eine große Persönlichkeit handelt, einen Menschen mit Fallhöhe, um eine Figur, deren Tragik über sich hinausweist. Sowohl Shakespeare als auch Euripides hätten sicher ein Stück über Strauß geschrieben, und er hätte es verdient. Und sie hätten es sicher besser geschrieben, als ich es konnte.

Strauß starb am 3. Oktober 1988. Heute ist der 3. Oktober als „Tag der Deutschen Einheit“ ein Feiertag. Gehört das für Sie auch zu der mittlerweile sagenumwobenen Überfigur Franz Josef Strauß?

Ich glaube, Strauß hatte die deutsche Einheit im Auge, als wir sie alle schon längst aus den Augen verloren hatten. Er war für mich immer ein Politiker, der zwar aus Bayern kam und in Bayern endete, der aber immer über Bayern hinaus denken und handeln wollte, der keine Rauten als Pupillen hatte. Ich denke, er wäre fast stolz, dass sein Todestag mit der Einheit zusammenfällt, er hatte ja einen großen Sinn für das Historische.

„The Making Of: B.-Movie“, eines Ihrer ersten Stücke, ein Stück über den jungen Bertolt Brecht, wurde 1998 am Residenztheater uraufgeführt. Jetzt gehört „Halali“ zum Eröffnungsreigen der neuen Intendanz: Was erhoffen Sie sich, was erwarten Sie von Martin Ku(s)ejs Theater?

Das Beste an Berlin ist der Zug nach München! Mit Ku(s)ej, Simons, Stückl haben wir hier eine einzigartige Theatertrias. Ku(s)ej, davon bin ich überzeugt, wird ein großartiger Intendant, er weiß, Schauspieler zu begeistern und scheut sich nicht da hinzugehen, wo es weh tut. Er ist ein Suchender und ein Liebender, aber er sucht auch den Konflikt, und er liebt den Kampf. Er hat ein phänomenales Ensemble, und wenn ich mir so anschaue, welche Schauspieler jetzt alle in München leben, bin ich mir sicher, dass München richtig aufleben wird und ein Ort ist, in dem nicht nur die anderen Theater machen, sondern auch das Theater.

Das Gespräch führte Sabine Dultz.

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