Kein bisschen Frieden

München - Zubin Mehta und das Bayerische Staatsorchester konnten mit ihrer Musik in Kaschmir kaum Brücken bauen.

Das Bayerische Staatsorchester unter Leitung von Zubin Mehta ist bei seinem historischen Konzert in der Unruheregion Kaschmir in Indien begeistert gefeiert worden. Vor dem Auftritt am Samstag hatte es jedoch zahlreiche Protestaufrufe von religiösen Führern und Separatisten gegeben (wir berichteten). Einer der Vorwürfe: Das Konzert beschönige die Krise in der Region. Überall in Srinagar waren am Wochenende Straßensperren zum Schutz der Konzertgäste aufgebaut. Als ein Mann dort nicht stoppte, wurde er laut Polizeiquellen angeschossen. Währenddessen beklatschten die mehr als 1500 geladenen Gäste im Mogul-Garten am Dal See die Musiker ausgiebig für ihre Darbietung von Beethoven, Haydn und Tschaikowsky. Das Konzert – das wohl erste eines westlichen Orchesters in der Region – stand unter dem Motto „Ehsaas-e-Kashmir“ (Gefühl für Kaschmir).

Eine parallele Protestveranstaltung „Haqeeqat-e-Kashmir“ (Kaschmirs Wirklichkeit) mit Dichtern, Musikern und Künstlern aus der Region wurde in letzter Sekunde genehmigt, doch ließen Sicherheitskräfte kaum jemanden in den Park vor. Auf der Bühne wurden laut Mitorganisator Khurram Parvez Menschenrechtsverletzungen durch die rund 700 000 Soldaten in Kaschmir und die politische Unterdrückung durch Indien gezeigt. Kaschmir ist zwischen Indien und Pakistan aufgeteilt und umkämpft, außerdem wollen zahlreiche Separatistengruppen einen eigenen Staat. Mehrere ihrer Anführer standen nach Medienberichten während des Konzerts unter Hausarrest. Sie hatten für das Wochenende ein Ausgehverbot ausgerufen – nur wenige Autos waren unterwegs, Geschäfte blieben geschlossen.

Zahlreiche Menschen in Srinagar beschwerten sich über die massiven Sicherheitskontrollen in den Tagen vor und nach dem Konzert. Außerdem habe die Deutsche Botschaft als Organisator nur VIPs eingeladen, nicht aber die Bootsfahrer, Ladenbesitzer oder Handwerker. Diesen Punkt kritisierte auch Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper. „Alle Menschen, mit denen ich sprach, sagten: wunderbar, aber warum sind wir ausgeschlossen?“ Die Botschaft habe daraus fast einen Staatsakt gemacht. Das ursprüngliche Ziel sei doch gewesen, für alle Leute zu spielen. Auch der Maestro erklärte vor dem Konzert, nächstes Mal werde in einem Stadion gespielt: „Wir wollen nicht nur ein paar wenige Ausgesuchte.“

Vor dem Auftritt des Bayerischen Staatsorchesters, das sonst im Münchner Nationaltheater spielt, war der Jahrhunderte alte Shalimar-Garten renoviert worden. Die Gäste wurden von Hunderte Meter langen Wasseranlagen mit Fontänen empfangen, eine Bergkulisse ragte hinter dem Orchester empor. Die 80 Musiker begannen kurz nach 17 Uhr, direkt nach dem Ende des Nachmittagsgebets in der überwiegend muslimischen Region. Dazu zwitscherten zahlreiche Vögel von den teils 300 Jahre alten Bäumen, und Grillen zirpten im Gras. Ehe aber die Ouvertüre „Leonore Nr. 3“, Joseph Haydns Konzert für Trompete Es-Dur, Tschaikowskys Konzert für Violine D-Dur sowie Beethovens 5. Symphonie erklang, hatten die Musiker eine Überraschung parat: Sieben Minuten lang spielten sie zusammen mit lokalen Musikern eine kaschmirische Komposition von Abhay Rustum Sopori, einem bekannten Spieler des klassischen Saiteninstruments Santoor. Die meisten „wow“-Bekundungen im Publikum erhielt allerdings Solo-Violinist Julian Rachlin.

Doreen Fiedler

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