Und kein bisschen leise

München - Großes Jubiläum: Der Münchener Bach-Chor feiert 60. Geburtstag. Ein Rückblick mit Sängern, die schon unter Karl Richter dabei waren.

Mit dem „Magnificat“ feiert der Münchener Bach-Chor am morgigen Samstag seinen 60. Geburtstag. Johann Sebastian Bachs Marienlob begleitet einige Sänger des Ensembles seit Jahrzehnten. Bassist Peter Holzer kommt locker auf zehn Aufführungen, während Tenor Siegfried Scharrer meint: „Es waren sicher mehr, und an eine mit Karl Richter und Maurice André in Oxford erinnere ich mich besonders gern.“

Da ist er gefallen, der Name Karl Richter. Er schwirrt bis heute durch die Köpfe der Sänger und des Publikums. Karl Richter, musikalisch sozialisiert im Dresdner Kreuzchor, später Organist an der Leipziger Thomaskirche, wechselte 1951 an die Münchner Markuskirche und entwickelte aus dem dortigen Heinrich-Schütz-Kreis den Münchener Bach-Chor. Ein wichtiger Kontrapunkt in der Mozart-, Wagner-, Bruckner- und Strauss-Stadt München. Man verschaffte sich immer mehr Gehör, ebenso das kurze Zeit später gegründete Münchener Bach-Orchester.

Von 1954 bis zu seinem plötzlichen Tod 1981 prägte Richter das Laien-Ensemble, das sich bis heute mindestens zweimal pro Woche zur Probe trifft und dessen Mitglieder sich durchschnittlich alle zwei Jahre in einem Vorsingen behaupten müssen. „Damals waren wir Studenten ohne Bachelor-Druck, da war das kein Problem.“ Schmunzeln bei den drei Sängern, die seit Richters Zeit dabei sind.

Und später? Siegfried Scharrer organisierte seine Zeit als Medizinalassistent so, dass diese mit Proben und Aufführungen nicht kollidierte und nahm seine Frau mit in den Chor. „1967 war ich an 270 Tagen mit dem Chor beschäftigt.“ Die Töchter von Susanne Schneidt singen inzwischen auch mit. „Das ist für die Kinder ganz normal“, erzählt die Altistin, die bedauert, dass immer weniger junge Sangesfreudige den Zeitaufwand auf sich nehmen können oder wollen.

In den Sechzigerjahren lebte die Ansbacher Bachwoche vom Engagement der Münchner, die als semi-professionelles Ensemble auch weltweit großes Ansehen genossen: „Auf einer Russland-Tournee 1968 sangen wir unter Richter die erste Johannespassion nach der Oktoberrevolution, exakt am orthodoxen Karfreitag, was den Offiziellen wohl entgangen war“, amüsiert sich Siegfried Scharrer. Ein Russland-Remake ist für 2015 geplant, aber Susanne Schneidt befürchtet, dass der Chor die Finanzierung trotz Selbstbeteiligung nur sehr schwer stemmen kann. Am Ende der Sechziger war Richters Ensemble ein kultureller Export-Artikel, die Gelder der Bundesregierung flossen damals großzügig. Das sieht mittlerweile anders aus – wie Susanne Schneidt als Mitglied des Vorstands bestätigt: „Immer geht es ums Geld. Bei der Programmwahl, beim Engagement der Solisten, alles muss vom Chor verdient werden.“ Und Holzer fügt hinzu: „Ohne die großzügigen Freunde des Bach-Chores wären wir schon längst pleite.“

Auch wenn nach Karl Richters Tod 1981 die Zeichen zunächst auf Sturm standen – Umbenennung, gar Auflösung wurden gefordert – überlebte der Bach-Chor und fand nach Ekkehard Tietzes interimistischem Engagement in Hans Martin Schneidt einen neuen Leiter. Der Ex-Thomaner und ehemalige Generalmusikdirektor in Wuppertal lotste den Chor zu neuen Ufern. So, wie es nach dem abrupten Ende der Ära Schneidt (1984–2001) und einer weiteren Interimsphase auch sein Nachfolger Hansjörg Albrecht versucht.

Seit 2005 lenkt der ehemalige Kruzianer die Geschicke des Bach-Chors in Richtung Originalklang und Moderne. Neue Herausforderungen für die Mitglieder aus der Schule Karl Richters, der seinerzeit bei den Proben durch die Stimmgruppen schlenderte, Sängerinnen und Sänger fixierte und testete, ob sie ihren Einsatz auch ohne ein Zeichen fanden. Am hohen Anspruch der jeweiligen Chorchefs hat sich bis heute nichts geändert. „Alle drei waren und sind geniale Continuo-Spieler“, betont Peter Holzer und erinnert sich mit seinen Kollegen daran, wie Kapellmeister Schneidt den Chor mit Verdis Requiem, Händels „Judas Maccabäus“, mit Werken von Haydn oder Schütz, aber auch von Hindemith und Pepping herausforderte.

„Der junge Albrecht hat mit uns viele Erfahrungen gesammelt, und wir haben die Ausweitung des Repertoires genossen“, sagt Holzer. Susanne Schneidt nennt als Beweis nicht nur den Komponisten Arvo Pärt, sondern auch Ennio Morricone. Ein gewaltiger Unterschied zu früheren Zeiten, wie Siegfried Scharrer bestätigt: „Bei Richter erklang in 15 von 40 Konzerten Bachs h-Moll-Messe. Bach war einfach sein Schwerpunkt.“

Dass sich ihr Bach-Stil enorm gewandelt hat, können die Sänger an alten Aufnahmen erkennen. Obwohl sie davon schwärmen, wie Richter die Tempokontraste ausmusizierte, wie er ein Werk als Skulptur bearbeitete und es jedes Mal spontan und anders klang, reagieren sie auf alte Passionsaufnahmen mittlerweile irritiert. „Sie sind teilweise ungeheuer langsam, was zu den heutigen Hörgewohnheiten einfach nicht mehr passt“, räumt Holzer ein. Aber ob schnell, ob langsam oder inspiriert von der historischen Aufführungspraxis (die Richter enttäuschte und von der sich auch Schneidt rasch abwandte) – ein Chorleiter muss überzeugen. „Und das war und ist bei allen dreien der Fall“, bestätigt das Bach-Chor-Trio. Unisono.

Gabriele Luster

Konzert

am Samstag, 24. Mai, 19 Uhr, mit Werken von Händel und Bach im Prinzregententheater; Tel. 089/ 54 81 81 81.

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