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Sucht als Jury-Mitglied der Berlinale „auf produktive Weise Unausgegorenes“: Der Regisseur Christoph Schlingensief.

Kein Bock auf Botschaften

Christoph Schlingensief über seine Arbeit in der Berlinale-Jury, das deutsche Fernsehen und seine Anfänge beim Film

Heute Abend wird in Berlin zum 59. Mal der Goldene Bär verliehen. Zur Zeit fällt die Jury ihre Entscheidung unter 18 Wettbewerbsfilmen. Mit dabei ist Christoph Schlingensief, einst Enfant terrible des deutschen Films, dann weltweit erfolgreicher Theater- und Opernregisseur, der sogar mit einer „Parsifal“-Inszenierung Bayreuth-Weihen erhielt.

-Sie sitzen in der Jury. Macht das Spaß?
Es ist eine große Ehre, weil ich als Filmemacher wie als Besucher schon seit Jahren mit der Berlinale zu tun habe.

-Welche Erinnerungen haben Sie an frühere Berlinalen?
Freude und Desaster! Mein erstes großes Erlebnis war ein richtiges Desaster. Es war die Premiere meines Films „Menü total“ 1986. Da waren am Anfang 1800 Zuschauer drin, am Ende noch 400, und darunter waren 200 gegen den Film. Es gab sogar eine Schlägerei. Wir haben 90 Minuten mit Zuschauern diskutiert, bis wir aufhören mussten wegen „Verleihergesprächen“ – es gab dann kein einziges. Danach hab ich mit meiner Freundin Schluss gemacht. Und ich habe Tilda Swinton kennengelernt, mit der ich jetzt in der Jury sitze. Wir waren ein paar Monate zusammen. In der Zeit haben wir meinen nächsten Film „Egomania“ gedreht, der im Jahr darauf wieder auf der Berlinale lief. Da wurde großes Liebesleid gleich ins nächste Projekt reingeworfen. Eine gute Zeit.

-Man hat lange nicht erlebt, dass auf der Berlinale 90 Minuten diskutiert wurde. Ist ihr und dem Kino etwas verloren gegangen?
Ja. Kann man sagen. Ich hoffe trotzdem, ein paar interessante Filme zu finden. Etwas Politisches und etwas auf produktive Weise Unausgegorenes. Mit einer doppelten Erzählweise. Ich mag keine Interpretation. Filme sollten sich dem entziehen. Sie sollten den Zuschauer in etwas Spirituelles stoßen. Auf den tausendsten Gutmenschenfilm mit „wichtiger“ Botschaft habe ich keinen Bock. Ich wünsche mir nicht Botschaften, die brav präsentiert werden und die dann alle brav abnicken können, sondern neue, junge Ästhetiken, die von irgendwoher auf der Welt auftauchen und uns überraschen, überwältigen können.

-Sie selbst haben als Filmregisseur begonnen, aber lange keine eigenen Filme mehr gemacht.
Damals, 1987/88, wurden die Anhörungstermine bei den Fördergremien überall komisch. Als ob sich ein Virus eingenistet hätte: Jetzt schon wieder der mit seinen billigen Filmen. Das Filmbüro NRW hat Pläne aufgestellt, wie erfolgreich wir waren. Auch die Zuschauerzahlen waren nicht schlecht. Aber das wurde nicht akzeptiert: Es ging plötzlich darum, den Drehbüchern schon anzusehen, wo im Fernsehen die Werbung geschaltet werden kann, es blieb kein Raum für Spontaneität. Dem wollte ich mich nicht mehr aussetzen – weil ich auch gar nicht so arbeiten kann. Dann stand in den 90ern die Komödie hoch im Kurs, die Cinemaxxe wurden gebaut, die Programmkinos eingerissen. Seitdem habe ich mit Alexander Kluge einige Sachen gemacht und auf dem Theater mit Video gearbeitet – da war ich der erste. Der Castorf ist dann hinterhergedackelt. In letzter Zeit wächst bei mir das Bedürfnis, doch einen „richtigen“ Film zu machen. Aber da habe ich jetzt schon Ärger mit dem WDR.

-War der nicht froh über Ihr Angebot?
Ich hätte gern einen „Tatort“ gedreht, vielleicht als Teil des Programms für die europäische Kulturhauptstadt. Der wäre in allen Wohnzimmern gelandet. Jetzt machen sie aber Lichtarchitektur an der Autobahn, da wird’s dann gelb und grün, wenn man langfährt. So eine Idee wird vom WDR richtig ausgesessen. Man bekommt absolut keine Antwort. Ich habe dem zuständigen Redakteur geschrieben, dass mir dieses Verhalten während meiner Krankheit im letzten Jahr wehgetan hat. Denn er weiß, dass es bei mir einen gewissen Druck gibt. Ich weiß nicht genau, was bei mir als Nächstes passiert. Deshalb brauche ich klare Antworten. Er hat mir zurückgeschrieben, ob ich ihn bedrohen wolle. Und: ,Willst Du vielleicht etwas drehen über den Slang im Ruhrgebiet?‘ Hat der Mann eine Ahnung, was ich mache und bis jetzt gemacht habe?

-Wozu braucht einer wie Sie überhaupt das Geld der Sender? Sie haben doch gezeigt, wie man Filme ohne Förderung macht...
Zwischendurch ist sowieso das Allerbeste. Wenn man Oper macht, wird man eingebunden in ellenlange Vorbereitung – ich habe für 2016 ein Angebot, ein Bühnenbild zu machen. Wie soll das gehen? Ich will ja auch was tun für mein Geld. Bei der Oper blockiert man sich permanent selbst. Beim Film war es für mich so: Früher in Mülheim war es langweilig. Man dachte: O.k., schreib mal wieder ein Drehbuch. Man hat es eingereicht und gewartet. Dann der Bescheid: „Is’ nicht.“ Schließlich bin ich zum Filmbüro gegangen. Da saßen Werner Schroeter und andere und haben mit mir mein Drehbuch diskutiert. So habe ich Film gelernt. So eine Zeit muss es auch wieder geben.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

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