Kein Ekel vor der Figur

- Hippolytos hat Gewichtsprobleme. Den ganzen Tag lang hockt er in seinem Zimmer, schaut fern und stopft Hamburger und Mohrenköpfe in sich hinein. In Sarah Kanes Theaterstück "Phaidras Liebe" ist Hippolytos, Sohn des Theseus, Stiefsohn der Phaidra, ein fetter Trauerkloß. Oliver Möller hingegen hat keine Gewichtsprobleme. Schmal, zartgliedrig und blass - wie ein männliches Elfenwesen - sitzt er da und erzählt von seiner Rolle. Er muss gar nicht mehr lange nachdenken. Abgeklärt, nüchtern, fast emotionslos erläutert er seine Sicht auf dieses Stück, das "so radikal ist in seiner Brutalität und sexuellen Perversion".

<P>Denn anders als in Euripides' "Hippolytos" und Racines "Phädra" hat die Stiefmutter Sex mit Hippolytos, wird ihre Tochter Strophe von Theseus öffentlich vergewaltigt und Hippolytos vom eigenen Vater aufgeschlitzt. Kanes radikale, "aktualisierte" Zuspitzung des antiken Stoffs hat in der Inszenierung von Florian Boesch morgen um 20 Uhr im Marstall Premiere (Bayerisches Staatsschauspiel).<BR><BR>Oliver Möller, 1976 bei Frankfurt geboren, war zuerst in Salzburg auf der Schauspielschule und wechselte dann an die Folkwang Hochschule in Essen. Dort begegnete er dem Regisseur Elmar Goerden, der für das neue Residenztheater-Ensemble von Dieter Dorn junge Darsteller suchte und Möller vom Fleck weg, ohne Abschluss, engagierte. Inzwischen hat Möller sich schon den Kurt-Meisel-Förderpreis erspielt, hat unter anderem den Seleucus in "Rodogune", den Chiron in "Titus Andronicus", den Schweizerkas in "Mutter Courage" und den Claudio in "Maß für Maß" gegeben. Um als übergewichtiger Hippolytos durchzugehen, wird er freilich nicht ausgestopft. "Ob Fettsucht oder Magersucht, ist egal. Beides ist ja ein Hilferuf nach echter Kommunikation, der Versuch, sich selbst spüren zu können", sagt Möller, indem er erst den Blick weit weg schweifen lässt, um dann ein erstaunlich offenes, verletzliches Gesicht zu präsentieren. <BR><BR>Absolute Radikalität<BR><BR>In der Art, wie er formuliert, findet sich kein Abscheu vor der Figur. Er sieht in Hippolytos, der von allen begehrt wird und sich nimmt, was er kriegen kann, mehr als das Schwein, das er oberflächlich betrachtet ist. Die Rolle gebe ihm große Kraft, er könne der Figur sogar einige positive Seiten abgewinnen: "Hippolytos ist der einzige, der mit absoluter Radikalität sagt, was er denkt, und der bemüht ist, aufrichtig zu sein. Er verabscheut das Fernsehprogramm ebenso wie die Geschenke zu seinem Geburtstag." Möller hat dafür auch eine Erklärung: "Alles, was nicht zu ihm gehört, lehnt er ab. Denn alles außer ihm selbst kommt ihm verlogen vor, heuchlerisch, doppelzüngig."<BR><BR>In England, wo Kane 1996 ihr Stück uraufführte, sei die Darstellung einer dekadenten Familie königlichen Geblüts natürlich viel brisanter. Was macht man aber in Deutschland aus ihr? "Jedenfalls eine Familie mit unglaublich viel Geld, wo jeder ein gutes Auto fährt oder mehrere. Sex und die Frage, wer ihn mit wem hatte, ist das beherrschende Thema, es ist das einzige, was die Familie noch zusammenhält, und zugleich der Anfang vom völligen Niedergang." Wie schafft man es da, sich die Figur ohne Ekel zu erschließen? "Alle Tabus, die man selbst hat, muss man außer Acht lassen. Es gibt aber auch Persönlichkeiten, die der Figur nahe kommen, Rockstars wie Elvis oder Jim Morrison etwa. Sie sind Schweine geworden, die niemanden mehr an sich heranlassen. Stars, denen alle zu Füßen lagen und die sich wegen ihres Ruhms alles erlauben können." Die Widersprüchlichkeit sei das Interessante dabei: "Dass eine Person gemocht und bewundert wird und in die totale Depression verfällt. Eine Komödie." Eine Komödie? "Ja", kündigt Oliver Möller an, "jede Figur in diesem Stück hat ihren Witz. Auch wenn das Ende der Hammer ist." Das Ende: Hippolytos stirbt mit der Erkenntnis, dass seine Abschlachtung der größte Moment in seinem Leben ist.<BR><BR></P>

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