Kein fernes Märchenreich

- Das schwerste Gold, die wertvollsten Edelsteine und die filigransten Handarbeiten - nur das Beste war gut genug für die Kaiser in Konstantinopel. Und nichts hat so sehr das Bild des Nahen Ostens geprägt wie der Prunk der weltlichen und geistlichen Herrscher in Mosaiken und Kirchenkuppeln, Geschmeiden und Lüstern. Ein fernes Märchenreich? Beileibe nicht. "Die Welt von Byzanz - Europas östliches Erbe" heißt die Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München, die mit gebührender Pracht, mit manch optischem Paukenschlag und geistreicher Inszenierung auf gemeinsame Wurzeln verweist.

<P>Kraftstrotzende, schillernde Epoche</P><P>Mit über tausend Exponaten und Leihgaben aus Berlin, New York, London und Budapest zeigt man so, dass die Trennung der Ost- und Westgeschichte erst im Nachhinein erfolgte. Konstantin der Große schuf 324 das Fundament für ein einzigartiges Reich, das beim ersten Kreuzzug vor 800 Jahren bröckelte und mit der Eroberung durch die Osmanen 1453 niederging. Mit dem Begriff Byzanz, 1554 vom Augsburger Bibliothekar Hieronymus Wolf eingeführt, versuchte man, eine kraftstrotzende, schillernde Epoche zu definieren. Im 19. Jahrhundert fand man vor allem in Bayern wieder die Nähe zu den einstigen Nachbarn: Mit der Byzanzmode der wesensverwandten Wittelsbacher schließt sich der Kulturkreis der Ausstellung.</P><P>Konstantinopels Hippodrom, 440 Meter lang, mit 30 000 Plätzen, war politischer und sozialer Brennpunkt. Dass neben diesem Modell eine Kuppel zum Thema Kirche überleitet, ist kein Zufall. Byzanz war mehr als nur ein Herrscherreich: Es vereinnahmte alle Sinne und Denkweisen. Liturgische Gefäße, Schrankenplatten mit wunderbarem Banddekor und gotisch anmutenden Ornamenten sowie manch bildliche Rechtfertigung der gottbegnadeten Kaiser belegen den umfassenden Einfluss. 216 Flammen illuminierten die höchsten Feiertage an einem Radleuchter mit dreieinhalb Meter Durchmesser (13./14. Jahrhundert).</P><P>So, wie die Kirche Macht versprühte, tat es die Oberschicht. Auch wenn die Staatssammlung Wert darauf legt, einen Einblick in den Alltag per Geschirr, Lampen und Handwerksutensilien zu geben, auch wenn eine nachempfundene Villa vom Bosporus mit Mosaiken und Malereien Wohnflair vermittelt, so ist doch der Schmuck das Herzstück der Ausstellung. Zum ersten Mal konnten dabei alle Funde (um 600) aus dem ägyptischen Assiû^t wieder vereint werden, die seit 1909 verkauft wurden und in vier Museen unterkamen.</P><P>25 der insgesamt 40 Stücke rauben einem noch heute den Atem: Saphire, Amethyst, Perlen und Smaragd sind in einen massiven Kragenschmuck eingearbeitet. Mit einer goldenen, feinst durchbrochenen Brustkette blendete damals die noble Frau. Hals- und Brustschmuck eines Paares mit Münzen und einem Goldmedaillon, darauf die Verkündigung, zeigen, was Rang bedeutete - genauso wie die hochmoderne Schraube ausschließlich im Würdeschmuck Verwendung fand. </P><P>An diese luxuriöse Lebenslust schließt sich das Kapitel Tod und Jenseits an, das mit Reliefs und nahezu vollplastischen Grabsteinen und Stelen besticht. Danach die Überleitung zu Kultfiguren: Das Bilderverbot Kaiser Leos III. von 726 wurde 843 aufgehoben - seitdem wurde die Ikonentradition weiter gepflegt in Gemälden, Mosaiken und vor allem in zarten Elfenbeinarbeiten. Die vierzig Märtyrer von San Sebaste drängeln sich in dem Täfelchen zu Gottes Füßen, der Einzug Christi in Jerusalem ist in einem anderen Relief herausgearbeitet.</P><P>Der Heiligenkult führte zu einer Flut an Wallfahrten. Man pilgerte nach Abu Mina (Ägypten), zu Säulenheiligen, oder man erstand ein Öl, das man durch Reliquienkästchen laufen ließ und dessen Verkauf die Industrie freute. Wie nah verwandt ist dem doch der Westen. Kein Wunder also, dass der Aspekt Byzanz und Bayern recht augenfällig ist. Mit Bertha von Sulzbach war 1146 eine Deutsche byzantinische Kaiserin, mit Otto I. regierte eine Bayer Griechenland, mit Ludwig I. und II. erlebte Byzanz eine optische Renaissance. 1898 wurde der erste Lehrstuhl für Byzantinistik in München eingerichtet. Den Nachfolgern verdanken wir nun eine erhellende Ausstellung.</P><P>Bis 3. April, Tel. 089/ 211 24 01, Katalog 24,90 Euro.<BR></P>

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