Kein geschlechtsloses Minne-Gesäusel

München - Gottfried von Straßburgs "Tristan und Isolde": Zum Auftakt der sechsteiligen Lesung von Rolf Boysen im Residenztheater.

"Aufs schönste will ich ihm erzählen/ von noblen Menschen in der Liebe,/ die reine Liebe offenbarten:/ der Liebende, die Liebende,/ der Mann die Frau, die Frau der Mann,/ Tristan-Isolde, IsoldeTristan..." - Genau deswegen war eine große Kennerschar trotz der Pfingstferien am Dienstagabend ins Münchner Residenztheater gekommen.

Kenner, weil sie wissen, dass eine Lesung von Rolf Boysen ein erfüllendes Hörerlebnis verspricht; weil sie wissen, das Gottfried von Straßburgs fragmentarisches Epos "Tristan und Isolde" mit seinen 19 548 Versen große Literatur ist; und weil sie wissen, dass es hierin um leidenschaftliche Liebe geht.

Die hat ganz und gar nichts mit dem geschlechtslosem Minne-Gesäusel zu tun, wie es sich das 19. Jahrhundert fürs Mittelalter so vorstellte. Ob im Epos oder Gedicht, ob in den "Carmina burana" oder Pastorellen, es geht sinnenfroh zur Sache - vor-, außer- und auch ehelich. "Frau Liebe" kann nichts und niemand widerstehen. Das zu beweisen und höchst unterhaltsam in einem Abenteuerroman zu schildern, ist Gottfried angetreten.

Und Boysen, der unendlich wissende Schauspieler, trifft jenen Autor aus dem Straßburg - mehr weiß man von ihm im Grunde nicht - des frühen 11. Jahrhunderts, um ihn ins 21. Jahrhundert zu begleiten. Durch Boysens fein austarierte Verlebendigung von "Tristan und Isolde" wird uns Hörern klar, was uns daran nah ist, was fern, was zeitlos aktuell, was exotisch märchenhaft.

Zu Beginn der ersten von sechs Lesungen auf üppig flutender, naturgemäß roter Samttraperie lässt Boysen, noch ein klein wenig lampenfieberzittrig, Gottfrieds Anrede an uns erschallen. Er bezieht uns wie ein Redner ganz schnell ein, stellt Kontakt her. Geschickt, denn was folgt, braucht enorme Aufmerksamkeit.

Der Dichter, offenbar ein gebildeter Mann, philosophiert ähnlich wie sein römischer Kollege Ovid über die Liebe, bevor er in die traurige Herzensgeschichte von Tristans Eltern startet. Riwalon, ein edler, aber arg kampfeslustiger Ritter aus dem heutigen Frankreich, verliebt sich in Blanchefleur, die unsagbar schöne Schwester König Markes von Cornwall.

Entzückend, wie Rolf Boysen heiter, stimmlich fast singend erst das Flirt-Geplänkel, dann die Liebesunsicherheit und schließlich Blanchefleurs energische Eros-Strategie erzählt. Grandios steigert er sich, als er die Szene gestaltet, in der Liebe, Begehren, Tod und Leben ineinander übergehen. "Ihr Mund" durchtönt immer wieder wie tiefer Glockenklang den Theaterraum. In diesen erregenden Schwingungen fühlt das Publikum unmittelbar, wie die Geliebte den todwunden Riwalon durch Küsse zum Beischlaf vitalisiert: Tristans Zeugung. Und ein Sinnbild, wie sein Schicksal geprägt ist - vom bezaubernden Jüngling bis zur "IsoldeTristan"-Verschmelzung.

Gottfrieds und Rolf Boysens Kunst wird nicht unwesentlich von Laura Olivis klug komprimierter Fassung und der fabelhaften Übertragung aus dem Mittelhochdeutschen von Dieter Kühn unterstützt (Fischer Taschenbuch). Ein "Gesamtkunstwerk" höchster Güte.

Die nächsten Lesungen:

17., 19., 20.5., 20 Uhr, 22.5., 11 Uhr; Tel. 089/ 21 85 19 40.

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