Kein Hakenkreuz erkennbar

- Berlin - "Hier und jetzt zufrieden sein" heißt ein Raum des Künstler-Duos Isa Genzken und Wolfgang Tillmann: ein die ganze Wand einnehmendes Foto, das einen verlassenen und mit leeren Flaschen und Gläsern verwüsteten Raum zeigt. Dem Bild gegenüber: zwei parallel aufgestellte, mit Spiegelglas versehene Holzwände, in denen sich das Chaos des Fotos hell schimmernd und raffiniert schillernd bricht und so die abgebildete Wirklichkeit eine andere Qualität erfährt. Eine so einfache wie großartige Metapher dafür, wie die Widerspiegelung der Realität in der Kunst manchmal doch über vordergründig erkennbare Wahrheit hinausgeht.

"Hier und jetzt zufrieden sein" - das dürften auch die Staatlichen Museen zu Berlin für sich in Anspruch nehmen, die mit der gestrigen Eröffnung der Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof/ Museum für Gegenwart eine grandiose, verstörende, manchmal witzige, manchmal nur schwer verständliche Schau moderner Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen. Verantwortlich dafür zeichnet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und somit ist die Ausstellung, die wie keine zweite im Vorfeld die Gemüter erregt hat, eine Angelegenheit des Bundes.<BR><BR>Die Aufregung gilt der Tatsache, dass Sammler Friedrich Christian Flick als ein Erbe des Vermögens seines Kriegsverbrecher-Großvaters Friedrich Flick Gelegenheit erhält, dem Familiennamen eine hellere Farbe zu verpassen. Dem Verdacht der Verklärung wollen sich die Veranstalter nicht aussetzen. So sagt die kluge Christina Weiss, Staatsministerin für Kultur: "Dieses Museum wird ein Ort sein, an dem wir viel nachzudenken haben über unsere Zeit . . . Ich glaube gerne, dass diese Kunst auch den Sammler Flick verändert und ihm einen Schlüssel geliefert hat im Umgang mit der Vergangenheit seiner Familie."<BR><BR>Und Weiss formuliert die Fragen, die sich bei der Flick Collection stellen: Will man dem Enkel den Ballast von Schuld auf die Schultern laden? Gibt es eine Kontinuität von Schuld? Kann man Schuld abzahlen? Hätte Flick in den Zwangsarbeiterfonds eingezahlt, wäre dann der Blick auf die Kunst, die er für sieben Jahre Berlin überlassen hat, ein freierer?<BR><BR>Nein, das alles, so kann man jetzt feststellen, beeinflusst den Blick auf die Kunst nicht. Jedes einzelne Werk ist so voller Kraft, dass es den Sammler vergessen macht. In der Auseinandersetzung des Betrachters mit den Exponaten spielt er keine Rolle mehr. 2500 Kunstwerke von etwa 150 Künstlern hat Flick dem Museum für Gegenwart ausgeliehen. Zunächst sind etwa 400 davon ausgestellt. Jetzt schon lässt sich sagen: eine Schau der Superlative. Ergänzend zum Hamburger Bahnhof, der allein nicht ausreicht, hat Flick die nebenan liegenden ehemaligen Werksgebäude für acht Millionen Euro in eine Kunsthalle umbauen lassen. Nun ist auf 13 000 Quadratmetern alles zu sehen, was Rang und Namen hat in der nordamerikanischen und europäischen Welt.<BR><BR>Kurator Eugen Blume hat die Exponate in 14 Werkgruppen und Kapitel thematisch zu ordnen versucht. Beinahe immer beeindruckt die Auseinandersetzung der Künstler mit den komplizierten Zeitprozessen und gesellschaftlichen Themen. Francis Picabias figurative Gemälde sportlicher nackter Frauen aus den 40er-Jahren bilden den interessanten Kontrast zu Jason Rhoades' einen großen Raum bespielenden "Schöpfungsmythos", in dem ein eher fürchterliches als kreatives Durcheinander ausrangierter Gegenstände unserer Zivilisation arrangiert ist. In einer Ecke desselben Raums: der schockierend nachgestellte, tödliche Motorradunfall: Duane Hansons Symbolik des Todes und der Gewalt in ihrer vollen verstörerischen Wirkung. Daneben die idealisierende Farbfotografie eines Cowboys von Richard Prince.<BR><BR>Immer trifft man beim Rundgang auf derartige miteinander korrespondierende Komplexe. Was letztlich aber am meisten fesselt, sind die solistisch präsentierten Künstler. Allen voran Bruce Nauman mit seinen Leuchtröhrenfiguren "Sex and Death", seinem Arrangement gegenüberliegender Tribünen oder seinen Videos. Vielfältigst vertreten ist auch Paul McCarthy. Zwischen Scheußlichkeit und Schönheit, Witz und Wahrheit seine Skulpturen: seine goldene und seine schwarze Michael-Jackson-Plastik oder seine amüsante Adam- und Eva-Übertreibung "Appleheads".<BR><BR>Die Collection bietet alles, was das für moderne Kunst schlagende Herz sich wünscht. Inszenierte Räume - mit gegenständlichem Inventar, mit Klang und Video; Malerei, Fotokunst und Plastiken. Das Kernstück bilden neben Bruce Naumans Werken die Arbeiten des 1997 verstorbenen Martin Kippenberger. Großartige Gemälde, darunter jenes vielsagende mit dem Titel "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen" sowie die Serie "Acht Bilder zum Nachdenken, ob's so weitergeht". Titel, die auch als Überschrift über der Flick Collection stehen könnten. So wird diese sehenswerte Ausstellung doch noch durch einen Künstler ins richtige Licht gerückt.<BR><BR><BR> 

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