Kein Herzog der Herzen

- Er gehört zu den Schauspielern, die sich unauffällig in die Aufmerksamkeit des Zuschauers schleichen. Sie plustern sich nicht auf, sie haben keine Manierismen: Sie sind da - auf der Bühne. Und zwar so, dass man sie nicht aus den Augen lassen kann. Rainer Bock, Jahrgang 1954, gebürtiger Kieler, kam in der Saison 2001/02 von Stuttgart ans Bayerische Staatsschauspiel. Seitdem ist er eine prägende Figur des Ensembles. Hinreißend insbesondere sein Onkel Wanja (Tschechow).

<P><BR><BR><BR><BR>Jetzt, in der Regie von Dieter Dorn, steht "Maß für Maß" von William Shakespeare in der Übersetzung von Michael Wachsmann an. Rainer Bock ist der Herzog, der auf Probe die Herrschaft Angelo überlässt, auf dass der scharf gegen alle Unmoral vorgehe. Neben Bock spielen Sunnyi Melles, Stefan Hunstein, Jörg Hube und andere. Morgen ist Premiere.<BR><BR>Sie sind längst "eingemeindet" bei den Münchner Theaterfreunden. War es schwierig, sich in ein fast schon legendäres Ensemble hineinzufinden wie das von Dorn?<BR><BR>Bock : Nein, aber man hat schon einen Heidenrespekt vor Kollegen, die man seit der Zeit auf der Schauspielschule bewundert hat, die Idole sind. Auch heute, wenn ich mit ihnen zusammenarbeite, bleibt der Respekt. Aber Menschen von der Qualität eines Holtzmann oder Boysen haben es nicht nötig, einen das spüren zu lassen. Im Übrigen habe ich Glück gehabt mit allen Produktionen. Und ich fühle mich einfach wohl in dieser Stadt. <BR><BR>Sie waren gerade mit "Onkel Wanja" beim Berliner Theatertreffen. Wie war die Stimmung?<BR><BR>Bock : Es war über Erwarten toll. Von den eher ruppigen Berlinern wurden wir umjubelt. Auch Kollegen, die für eine andere Form von Theater stehen, mochten diese Aufführung. Das ist ein schönes Kompliment. <BR><BR>Seit Februar proben Sie den Herzog in "Maß für Maß", spielen gleichzeitig eine sehr starke Figur wie den Wanja. Beeinflussen sich die beiden so konträren Männer manchmal?<BR><BR>Bock : Da ist zunächst der Versuch, in m i r zu kramen: Wo sind mit mir Berührungspunkte da, wo gibt es eigene Erfahrungswerte? Wanja ist mir schon näher als dieser Herzog. In "Maß für Maß" kommt einem außerdem vieles unverständlich entgegen. Da ist ein Herrscher am Ende seiner Machtkraft angekommen. Shakespeare ist schwieriger: Jede Figur ist ein kleiner Kosmos, deshalb kann man sie in alle Richtungen interpretieren. Da verfranzt man sich leicht. Das ist in der Moderne etwas enger gefasst.<BR><BR>Wanja hat ja Sunnyi Melles nicht bekommen; was meinen Sie, hat der Herzog mehr Glück?<BR><BR>Bock : Das ist wie beim Krimi: Man soll's nicht verraten. Selbst wenn sie sich kriegen - oder nicht, fragt man sich, ob das gut geht. Beide haben Qualen erlebt und tiefe Einblicke in den anderen getan . . .<BR><BR>Der Herzog sagt, dass er lieber für sich im stillen Kämmerlein nachdenkt. Dafür ist er aber ein ziemlich gerissener Spielmacher. Er behält bei dem Abenteuer alle Fäden in der Hand.<BR><BR>Bock : Wir haben uns geeinigt, dass er in große Not geraten ist. Er will die Staatskatastrophe beheben, nachdem er alles zu lax verwaltet hat. Sicher, das ist ein Taktieren. Aber indem er einen Stellvertreter einsetzt, riskiert er den totalen Machtverlust. Er ist quasi als Harun al Rashid unterwegs. Der Herzog ist nicht der Marionettenspieler, sondern er muss ständig reagieren, reparieren. Erst im fünften Akt zieht er alles hart an sich ran. Er sorgt dafür, dass jeder durch seinen Mist durch muss, durch ein Purgatorium.<BR><BR>Ist der Herzog vor allem ein Gutmensch oder doch auch ein Versucher, der Schuld auf sich lädt?<BR><BR>Bock : Nein, er wird Opfer seiner eigenen Verhältnisse; dennoch hat er Witz genug, nun allem hinterher zu arbeiten. Er hatte sich von der Realität entfernt. Fragen Sie doch Herrn Schröder, wie viel eine Tüte Milch kostet. Und die brutalen Praktiken: Shakespeare spricht von Scheinhinrichtungen - was lesen wir jetzt in den Zeitungen . . .?<BR><BR>"Sei du ganz wir selbst", sagt der Herzog zu Angelo. Sind beide die zwei Seiten der Macht, die helle und die dunkle?<BR><BR>Bock : Ich glaube, beide Figuren sind angetreten, das Bestmögliche zu leisten, aber sie straucheln. Angelo über Isabella, der Herzog über seine Weichheit, sein Desinteresse - bis er sich endlich zur seiner Sorgfaltspflicht aufrafft. <BR><BR>Aber der Herzog urteilt am Ende schon erstaunlich milde . . .<BR><BR>Bock : Dennoch führt er alle durch das Fegefeuer ihrer Todesangst. Dieter Dorn macht in seiner Inszenierung eben keine Vorgaben. Er geht tief hinein, aber das Resümee überlässt er den Zuschauern. Klar, da ruckelt man schon mal im Geschirr: Müsste man nicht eindeutig Stellung beziehen? Das verweigert er jedoch konsequent. Darin besteht natürlich auch der Reiz, dass man nicht interpretatorisch vergewaltigt wird. Sicher ist: Es wird keinen Herzog der Herzen geben.<BR></P><P> Das Gespräch führte Simone Dattenberger<BR><BR></P>

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