Kein Kanzelprediger

- "An der Plumpe", im Arbeiterviertel Ost-Berlins, ist er aufgewachsen, und etwas davon hat er in die Regie-Karriere mitgenommen, so eine direkte, immer noch jungenhafte Sachlichkeit, einen Sinn dafür, was das Leben dem Menschen abverlangt. Da braucht man nicht lange zu fragen, warum Thomas Langhoff gern Ibsen, Hauptmann und Tschechow inszeniert: "Die Geschichten, die mit dem Anfang der Neuzeit, mit dem Beginn des Industriezeitalters entstanden sind, sind für mich heute noch gültig und werden von wenigen Autoren übertroffen." Stammgast schon bei Dieter Dorn an den Kammerspielen ab 1981, inszeniert er jetzt bereits zum fünften Mal für den ans Bayerische Staatsschauspiel gewechselten Kollegen. Und was? Einen Ibsen. Einen selten gespielten, der auf dem Hintergrund der aktuellen Kämpfe von Weltanschauungen mit jeweiligem Alleinseligmachungsanspruch aber gerade hochaktuell wird: "Brand" (1866, uraufgeführt 1885). Morgen ist Premiere im Residenztheater.

In manchen Ausgaben Datums beginnt Ibsens Werk mit "Peer Gynt". Das dramatische Gedicht über den Glaubensfanatiker Brand ist ausgespart . . .

Thomas Langhoff: Das Stück hat eine wechselvolle Geschichte. Es hat ihn berühmt gemacht. Bis dahin war er ein unbekannter Autor, sehr ärmlich lebend. Dann ist es mehr und mehr vergessen worden, weil "Brand" schwer fassbar war. Nach dem Krieg ist er auch nicht gespielt worden, weil das Stück als Faschismus-Ideal benutzt worden war. Wir sind zu meiner Überraschung jetzt nicht die ersten, die plötzlich die brennende Heutigkeit dieses Stückes empfinden.

Ist die Optik Ihrer Inszenierung eher eine heutige?

Langhoff: Ich versuche immer, eine gewisse Zeitlosigkeit der Figuren anzustreben. Dass sie sowohl in der Zeit des Autors beheimatet sind wie auch jederzeit ins Heute springen können. Entscheidend ist, dass man wirklich um den Gedanken, die Aussage ringt. Und dafür verwendet man verschiedene theatralische Formen.

Bleiben Sie eher realistisch oder geben Sie dem Poetischen, dem Symbolistischen des Textes Raum?

Langhoff: Die Begriffe helfen uns nicht. Vielleicht kann man sich auf den Hinweis beschränken, dass wir eine eigene Fassung gemacht haben, dass wir Teile von Morgensterns Übersetzung benutzen, aber auch in verschiedenen Passagen frei mit dem Text umgehen, um möglichst dicht an den inneren Gehalt von Ibsen heranzukommen.

Ist "Brand" nicht auch aus dem Kanon gefallen, weil das Kapitel "Religion" in der westlichen Welt erledigt schien?

Langhoff: Es hat nicht so interessiert. Und es interessiert mich auch heute nur bedingt. Mich interessiert Brand in der Unbedingtheit seines Anliegens. Brand sagt in der ersten Szene: "Ich bin kein Kanzelprediger. Ich bin vielleicht nicht mal Christ." Es geht ihm darum, dass die Menschen noch mal von vorne anfangen.

Dieser Forderung opfert Brand Mutter, Frau, Kind und die neu erbaute Kirche. Ist er in seinem Idealismus ein Sympathie-Träger, oder assoziiert man ihn nicht doch eher mit einem todbringenden Fundamentalisten?

Langhoff: Ich entscheide mich natürlich nicht, sondern der Zuschauer soll sich entscheiden. Das Großartige und das Zeitgemäße bei Ibsen ist, dass er die richtigen Fragen stellt, dass er die Figuren dialektisch sieht, das heißt: Es gibt keine rein positiven und keine rein negativen Figuren. Und es bleibt in fast allen seinen Stücken ein Ende, das eine Delegierung an den Zuschauer bedeutet, ein Weiterdenken, ein Beunruhigen, ein Aufregen. Deswegen ist er der große Theaterrevolutionär.

Über den Schluss, das "deus caritatis" beim Tod von Brand, rätselt man auch: Wird er von einem liebenden Gott gesegnet oder von ihm ermahnt, dass die Liebe über Brands absolutem Glauben steht?

Langhoff: Das ist eben die Frage, die nervös macht, diese große Schlussgeschichte, die das Ganze sehr ins Symbolistische hebt . . . Es geht um den Grundgehalt des Werkes. Und dazu sind auch manchmal Freiheiten nötig. Auf diese Weise ist auch ein etwas veränderter Schluss zustande gekommen. Na ja, Sie werden sehen. Es ist doch wie im Krimi, ich verrate nichts.

Das Gespräch führte Malve Gradinger

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