Kein Pausenclown

- "Man darf den Sänger nicht zu wichtig nehmen. Ein Künstler? Natürlich, aber auf niedrigem Niveau. Er kann sich nicht mit der Fülle an Schöpfertum zum Beispiel eines Goethe messen. Wenn einer diese große Kreativität in sich hat, dann wird er Maler, Komponist oder Dichter. Wir sind nur Kunsthandwerker." So viel Bescheidenheit ist selten. Aber gerade sie zeichnet einen guten Künstler aus. Und Christian Gerhaher, der Mann aus Straubing, von Beruf Arzt, ist ein solcher. Ein Bariton auf dem steilen Weg nach oben.

Als Liedsänger bereits mit allen Preisen dekoriert, tritt er nun bei den Salzburger Festspielen an. In der Jubiläums-"Zauberflöte", inszeniert von Pierre Audi und unter der musikalischen Leitung von Riccardo Muti singt und spielt Gerhaher den Papageno. An seiner Seite u.a. Diana Damrau, Genia Kühmeier, René Pape. Premiere ist am 29. Juli im Großen Festspielhaus.

Wie klug, wie intelligent muss man sein, um den Naivling Papageno singen zu können?

Christian Gerhaher: Das dürfen Sie mich nicht fragen, ich bin nicht besonders klug. Aber: Die Naivität ist für Papageno nicht das Ausschlaggebende. Es gefällt mir nicht, wenn in ihm der Witzbold, der Trottel von nebenan, der Pausenclown gesehen wird. Neben Pamina ist er der einzige natürliche Mensch in dieser Oper. Die Königin der Nacht ist ab dem zweiten Akt eine böse Frau. Böse ist auch Sarastro. Mit traumwandlerischer Sicherheit entzieht sich Papageno dieser Scheinwelt der "Eingeweihten". Er ist ein Naturmensch, er braucht diesen ganzen Mist nicht, diesen Herrenclub des Sarastro, der verspricht, dass man in seinen heiligen Hallen keine Rache kenne und am Ende doch Rache übt. Verlierer des Ganzen ist Tamino. Ein Blödmann. Was hat der für Prinzipien! Diese Liebe zu Pamina ist in ihrer Irrealität lächerlich.

Haben Sie das schon immer so streng gesehen?

Gerhaher: Meine erste "Zauberflöte" war eine konzertante Aufführung der Münchner Opernschule unter Colin Davis. Nein, da habe ich das nicht so gesehen. Das hängt natürlich immer auch von der Inszenierung ab. Jetzt bin ich sehr beglückt, dass Regisseur Pierre Audi denkt wie ich.

Nämlich?

Gerhaher: Papageno lebt allein im Wald. Daher seine Sprachlosigkeit. Er ist nicht ganz fähig, sich zu unterhalten. Er kann bestimmte Dinge nicht artikulieren, so auch nicht seine Sehnsucht Frauen gegenüber.

Und was hat es mit den Frauen auf sich?

Gerhaher: Interessant ist das Verhältnis Papageno - Papagena. Er behandelt Papagena einfach schlecht, macht sogar sexistische Anspielungen, als sie ihm als alte Frau verkleidet begegnet. Er fragt sie unverschämt, wie alt sie sei. Er beleidigt sie. Papagena bemerkt diese Kränkungen wohl, aber sie weiß auch: Den muss ich lieben, obwohl er sich so schlecht benimmt; wie wird das sein; kann ich den überhaupt achten. Darin offenbart sich die ganze Zwiespältigkeit des Schicksals. Und wenn Papagena ihre Maskerade ablegt, erschrickt Papageno: O Gott, denkt er, die habe ich so beleidigt, wie kann die mich lieben. Das führt dazu, dass er sich umbringen will.

Ist denn alles eine Frage des Schicksals?

Gerhaher: In der Salzburger Aufführung wird nicht so sehr das Schicksalhafte im Vordergrund stehen, sondern die menschliche Tragödie. Und die Frage: Welche verblödete Männerwelt kann so wichtig sein, dass man, wie Tamino, mit seiner Geliebten nicht spricht? Ich finde diese dominante Clique des Sarastro abscheulich. Eigentlich das ganze Stück. Wenn der Männerchor "O Isis und Osiris" singt, halte ich das für ziemlich beschränkt. Das ist so lächerlich wie ein Männerchor in Lederhosen, der "La Montanara" schmettert.

Dies hier ist Ihre fünfte "Zauberflöte". Wenn Sie die Oper aber gar nicht lieben...

Gerhaher: "Die Zauberflöte" hat richtig gute Dialoge. Darum mag ich sie letzten Endes doch so sehr.

Sie sind ausgebildeter Arzt. Nutzt Ihnen die Medizin beim Sängerberuf?

Gerhaher: Manchmal schon. Über gewisse Kräfteverhältnisse des Körpers weiß ich ganz gut Bescheid. Aber das meiste geschieht doch eher unbewusst. Singen ist kein Sport. Es geht nicht darum, Töne um ihrer selbst willen zu produzieren, sondern um einer musikalisch-klanglichen Vorstellung willen. Das Prinzip einer technischen Durchdringung ist die Wandelbarkeit. Das ist nicht in erster Linie eine funktionale Frage. Die Identität des Menschen bleibt erhalten nur in der Wandelbarkeit. So auch die Identität der Stimme, die sich wandelt durchs Repertoire, durch das Alter, durch die geistige Entwicklung.

Sie gehören mit 38 Jahren zur jungen Sänger-Generation. Worin sehen Sie heute die größte Herausforderung an die Oper?

Gerhaher: Die Menschen nicht zu überfordern. Die Komplexität der Oper ist ein Problem. Das andere ist, dass ich Oper oft so bieder finde, nicht nur manche Inszenierungen, sondern das Sujet.

Sie singen als Nächstes Wolfram in Frankfurt. Wie sieht's mit der Bayerischen Staatsoper aus?

Gerhaher: Sie hat schon mal meine Repertoireliste angefordert. Es wäre mir eine Ehre, dort zu singen.

Das Gespräch führte Sabine Dultz.

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