Kein Preisgeld in Olympia

- Der antike Schriftsteller Aelian überliefert folgende Anekdote: Ein Mühlenbesitzer aus Chios ärgerte sich über die Faulheit eines Sklaven. Er soll ihm gedroht haben, ihn zur Strafe mit zu den Olympischen Spielen zu nehmen. Das verfehlte nicht seine Wirkung.

<P>Der feine Hintersinn dieser Geschichte wird erst deutlich, wenn man sich die Augusthitze, die schlechten Bäder und das allgemeine Gedränge in dem antiken Zeus-Heiligtum vor Augen führt. Alle vier Jahre zogen 5000 Zuschauer nach Olympia. Dort fanden die Spiele statt, nach denen sich auch die antike Zeitrechnung bemaß: Eine Olympiade dauerte vier Jahre - von einem Kultfest bis zum nächsten. Den Siegern stand eine glänzende Karriere offen.<BR><BR>Neben Diskus- und Speerwurf, Weitsprung, verschiedenen Läufen, Ringen, Faustkampf und dem Pankration (Allkampf) stand vor allem der Pferdesport hoch im Ansehen. Gründete sich doch der Ort Olympia auf das sagenumwobene Wagenrennen zwischen dem jungen Atreussohn Pelops und seinem künftigen Schwiegervater um die Hand der schönen Hippodamia, das auch im Ostgiebel des Zeus-Tempels von Olympia dargestellt ist.<BR><BR>So endete das olympische Wagenrennen im Hippodrom stets an der Bronzestatue der Hippodamia, die in ihren Händen die Siegerbinde trug. Prämiert wurde übrigens nicht etwa der Wagenlenker, sondern der Rennstallbesitzer. Und so kam es, dass das Wagenrennen die einzige olympische Disziplin war, in der man nicht selbst im Wettstreit anzutreten brauchte, um dennoch Sieger zu werden. Es genügte, die Pferde zu züchten. So geschah es, dass auch Frauen in die Zahl der Olympiasieger aufgenommen werden konnten.<BR><BR>Der politische Nutzen</P><P>Der Würzburger Archäologieprofessor Ulrich Sinn hat nun rechtzeitig zum Beginn der Olympischen Spiele 2004 ein Buch über das antike Olympia vorgelegt, in dem nicht nur der Ablauf der Spiele, sondern auch der neueste Stand der Ausgrabungen, der religiöse und mythologische Hintergrund und die Geschichte von Skandalen und Skandälchen rund um prominente Besucher der Stadt minutiös aufgeführt werden.<BR><BR>Vieles in Sinns Buch erscheint aus heutiger Sicht nahezu abstrus. So gestalteten sich etwa die Regeln im Fünfkampf mehr als merkwürdig: Im Gegensatz zu heute wurden zum Beispiel keine Tabellen gebildet, sondern es wurden diejenigen aus dem Wettkampf eliminiert, die dreimal vom gleichen Gegner besiegt worden waren, unabhängig von dem Platz, den sie im Gesamtklassement erreicht hatten. </P><P>Hatte sich etwa beim Diskuswurf die Reihenfolge Elis, Syrakus, Argos, Sparta, Korinth, Tarent, Athen, Samos und beim Weitsprung Athen, Samos, Tarent, Korinth, Argos, Elis, Syrakus, Sparta und beim Speerwurf Samos, Argos, Elis, Sparta, Tarent, Athen, Syrakus, Korinth eingestellt, so nahm man Syrakus und Sparta aus dem Wettbewerb, weil beide mindestens einem ihrer Gegner in allen drei Wettkämpfen unterlegen waren: Syrakus lag jedes Mal hinter Elis, Sparta konnte sich nie gegen Elis und Argos behaupten. Dass andere in dem Wettbewerb die letzten waren und dass Syrakus im Diskuswurf immerhin als zweiter abgeschnitten hatte, spielte für diese Entscheidung keine Rolle.<BR><BR>Ulrich Sinns umfassendes Sachbuch führt den Leser sorgfältig und behutsam in für uns heute fremde Denkstrukturen ein und konfrontiert uns mit einer Welt, die zwar als die "Wiege des Abendlandes" bekannt ist, so aber nur von sehr wenigen gesehen werden dürfte. Dabei werden viele Parallelen zu heute aufgebaut, etwa wenn ein Olympiasieg beim Pferderennen einem Feldherrn zu einem Kommando verhilft und die Spiele politisch ausgeschlachtet werden. Vieles erscheint aber auch gänzlich anders, etwa der viel beschworene Amateurgedanke.<BR><BR>Strafe zahlen an Zeus</P><P>In Griechenland war davon keine Rede. Es kämpften Berufsathleten, die von Preisgeldern lebten. Lediglich in Olympia gab es keine Preisgelder, und die Sportler waren durch das Reglement gezwungen, sich mindestens einen Monat in den Gymnasien der Nachbarstadt Elis auf die Spiele vorzubereiten. Das bedeutete für die Kämpfer einen ungefähr zweimonatigen Verdienstausfall, da in dieser Zeit die Teilnahme an lukrativeren Wettbewerben entfiel. Wer sich nicht daran hielt und zu spät kam, zahlte eine Strafe an den allmächtigen Zeus bzw. an seine Priesterschaft. Auch der Olympische Friede erweist sich bei Sinn als hübsche Illusion: Die Spiele fanden genauso während der Kriege statt. </P><P>Und die Völkerverständigung funktionierte ebenfalls nicht nach modernen Maßstäben. Teilnehmen durften nur Griechen, und auch die bezeichneten (griechische) Landsleute aus Alexandria abschätzig als "Ägypter" und missgönnten ihnen den Sieg. So zeigt Sinn an diesen Beispielen sehr deutlich das Auseinanderklaffen der Projektion einer idealen Heile-Welt-Utopie auf die Antike und der historischen Wahrheit.</P><P>Ulrich Sinn: "Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst". <BR>Heinrich Beck Verlag, München<BR>276 Seiten; 29,90 Euro.<BR></P>

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