Ich bin kein Radikaler

- Seit nunmehr 13 Jahren wird das Musikleben in Los Angeles von ihm geprägt: Esa-Pekka Salonen (48) ist Chef des dortigen Philharmonic Orchestra. Außerdem ist der gebürtige Finne ein anerkannter Komponist. Verständlich, dass sich dieses Doppelleben im Zeichen der Ambition in seinen Konzerten widerspiegelt. Beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks dirigiert Salonen heute und morgen Debussys "Faun", Strawinskys Violinkonzert und Sibelius' "Lemminkäinen"-Suite (Herkulessaal); Am Samstag leitet er das Open Air auf dem Odeonsplatz.

Jedes Mal, wenn Sie hierher kommen, gibt es ein Programm abseits des Üblichen. Ist das wieder so ein typischer Salonen-Abend?

Esa-Pekka Salonen: Ich verfolge keine bestimmte Dirigenten-Politik. Ich habe gerade einen Beethoven-Zyklus in Los Angeles abgeschlossen, der Werke dieses Klassikers mit moderner Musik kombinierte. Dies ist nicht nur fürs Publikum, sondern letztlich auch fürs Orchester interessanter. Die Musiker bekommen nicht nur das ewig Gleiche vorgesetzt.

Sind solche Programme in Los Angeles auch populär?

Salonen: Ich glaube schon. Modernes möchte ich gar nicht von den Klassikern trennen. Für mich ist Musik einfach Musik. Wenn man etwa Beethoven mit Ligeti kombiniert, wird dadurch die Wahrnehmung beider Komponisten geschärft. Doch auch wenn's manchem so erscheint: Ich bin kein Radikaler. In Los Angeles hat sich zudem in den letzten Jahren vieles geändert. Es gibt zum Beispiel ein Festival mit Minimal Music - und alles ist ausverkauft. Es ist also kein Problem, solche Musik zu integrieren. Man muss nur einfach den Schritt wagen.

Und kein Sponsor regt sich darüber auf?

Salonen: Nein. Keiner beeinflusst uns in Repertoirefragen, keiner will nur seine Favoriten gespielt haben.

Können Sie eigentlich Ihre beiden Berufe strikt voneinander trennen?

Salonen: Rein praktisch gesehen, vom Handwerk her: ja. Emotional: nein. Es kommt schon vor, dass ich in harten Probenphasen wie jetzt abends noch an meinen Werken arbeite. Und das kann schon hart sein. Am Pult stehen, die großen Meister aufführen - und sich dann selbst vor ein leeres Notenblatt setzen. Manchmal denke ich mir dann auch: Braucht die Welt überhaupt neue Musik? Um mich zu beruhigen sage ich mir dann: Ich kann eben nur so komponieren. In meinem Stil, in meiner Art, Klänge zu empfinden.

Haben Sie überhaupt genug Zeit fürs Komponieren?

Salonen: Es wird besser. Ab der nächsten Saison habe ich mir vorgenommen: ein halbes Jahr dirigieren, ein halbes Jahr schreiben. Ich komponiere gerade ein Klavierkonzert als Auftrag für das New York Philharmonic Orchestra. Yefim Bronfman wird es im Februar uraufführen - wenn ich fertig werde (lacht).

Wie wichtig ist Ihnen beim Open Air die Interpretation? Oder ist "Klassik am Odeonsplatz" eben doch "nur" eine Show?

Salonen: In Sachen Open Air bin ich ja durch die vielen Konzerte in der Hollywood Bowl ein Routinier. Der Trick ist: Man muss die Musik genauso spielen, als ob man sie im Saal aufführen würde. Und dabei kümmere ich mich nicht um akustische Dinge, Extra-Effekte oder Ähnliches.

Sie lobten einmal die sehr gute musikalische Ausbildung in Finnland. Ein Vorbild für andere Länder?

Salonen: Eigentlich schon. Es gibt ja auch viele Beispiele für berühmte finnische Sänger und Dirigenten. In den Sechziger- und Siebzigerjahren war die Ausbildung vielleicht noch besser, jetzt kehrt man wieder dazu zurück. Musisches ist dort sehr gut in die Lehrpläne integriert. Ich weiß aber nicht, ob dieses Modell 1:1 auf andere Länder übertragen werden kann, man muss da auch nationale Eigenheiten bedenken. Ich habe außerdem vor kurzem einen Artikel gelesen, da beschwerte sich der Journalist schon. Er schrieb, er könne es nicht länger hören mit dem Vorbild Finnland, es langweile ihn. Das Problem ist, wie ich finde: Die Finnen bilden mittlerweile zu stark aus. Es gibt lauter Professoren, aber keinen, der die Toiletten sauber macht.

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