Kein Recht mehr, feige zu sein

- "Der Papst liest ja auch nicht jede Messe in Rom." Und so werde auch er, Dieter Borchmeyer, Literatur- und Theaterwissenschaftler und Lehrstuhlinhaber an der Universität Heidelberg, nicht bei jeder Veranstaltung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste das Grußwort sprechen. Zwar tritt er am 1. Juli sein Amt als Präsident der Akademie an (als Nachfolger von Wieland Schmied), den Studenten in Heidelberg bleibt er dennoch erhalten. Und auch aufs Publizieren wird er keinesfalls verzichten wollen. Aber neue Akzente setzen in der Akademie-Arbeit, das Profil der Elite-Versammlung schärfen, sie verjüngen und populärer machen - das gehört doch zu Borchmeyers dringlichsten Anliegen.

<P>Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste: Was verbinden Sie mit dem neuen Amt praktisch, was ideell?<BR><BR>Borchmeyer: Praktisch - das ist schwer zu beschreiben. Ich glaube, der Präsident hat so wenig zu sagen wie die englische Königin. Die einzelnen Projekte werden von den jeweiligen Abteilungen betreut. Dennoch denke ich, eine gewisse Gestaltungsmöglichkeit zu haben.<BR><BR>Und was bedeutet Ihnen das Amt ideell?<BR><BR>Borchmeyer: Der ideelle Grund ist für mich der wichtigste Aspekt gewesen, das Amt, das ja ehrenamtlich und ohne Vergütung ausgeübt wird, neben der Belastung einer ordentlichen Professur anzunehmen. Akademie der Schönen Künste - mir gefällt das Wort schon so gut. "Das Schöne" - das ist ja in unserer modernen Ästhetik ein durchaus obsoleter Begriff geworden. Was ich mit dem Schönen verbinde, ist nach Kant die Autonomie der Kunst, die Abwehr des Interesses. Vor drei Jahren hätte ich dieses Amt vielleicht noch abgelehnt. Aber heute, da die Universität schamlos immer mehr ökonomisiert wird und sie die Autonomie der Wissenschaft preisgibt, ist mir die Akademie umso lieber geworden. Skepsis und Deprimiertheit gegenüber den Trends innerhalb der Universität bringen die Akademie meinem Herzen näher. Die Universität in ihrem heutigen Zustand ist nicht mehr meine geistige Heimat.<BR><BR>Die Ökonomie spielt aber auch in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste eine Rolle . . .<BR><BR>Borchmeyer: Natürlich herrscht auch hier der allgemeine Sparzwang. Aber gerade Kunstminister Goppel steht der Akademie sehr wohlwollend gegenüber. Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat er das Schlimmste abgewehrt. Dennoch ist die Situation schwierig. Im Herbst geht Generalsekretär Oswald Georg Bauer in den Ruhestand, und die Stelle wird, zunächst für ein Jahr, nicht neu besetzt.<BR><BR>In der Vergangenheit drohte die mitfinanzierende Friedrich-Baur-Stiftung, den Geldhahn zuzudrehen . . .<BR><BR>Borchmeyer: Ich finde es ja nicht ganz richtig, dass wir finanziell auf eine private Stiftung angewiesen sind. Aber ich denke, es sieht jetzt nach einem guten Einvernehmen aus.<BR><BR>Spielt die Akademie in der Öffentlichkeit eine Rolle?<BR><BR>Borchmeyer: Laut Statuten ist sie die höchste Pflegestelle der Kunst in Bayern. Ich meine, sie müsste sich noch stärker und deutlicher als bisher einmischen und Stellung beziehen. Wie sie es etwa vor Jahren in der Diskussion um das Hofgarten-Areal getan hat. Wenn sie jüngst ihren Standpunkt zur Rechtschreibreform oder der Hörfunkreform des Bayerischen Rundfunks geäußert hat, hätte sie dies lauter, wirkungsvoller tun müssen. Wenn die Akademie ihrer Rolle gerecht werden will, eine Art Aufsichtsrat über die Künste zu sein, muss sie sich maßgeblich Gehör verschaffen.<BR><BR>"Ich habe Wolfgang Wagner zu Dieter Dorn als neuem Bayreuther ,Ring-Regisseur geraten."<BR>Dieter Borchmeyer<BR><BR>Also ein verstärktes Mitmischen der in der Akademie versammelten Spezialisten?</P><P>Borchmeyer: Ja. Zum Beispiel wenn der Staat so hohe Posten zu vergeben hat wie die Intendanz der Bayerischen Staatsoper. Man muss ja nicht auf unseren Rat hören, aber einholen sollte man ihn doch.<BR><BR>Auch wenn's um Bayreuth geht?<BR><BR>Borchmeyer: Da ist es etwas komplizierter, die Festspiele sind noch immer ein privates Unternehmen. Aber natürlich habe ich auch meinen Brief an Wolfgang Wagner geschrieben und, was die Nachfolge von Lars von Trier angeht, zu Dieter Dorn als neuem "Ring"-Regisseur geraten. Das ist der private Ratschlag eines, der jahrelang bestens vertraut ist mit den Bayreuther Festspielen.<BR><BR>Worin besteht der Vorteil der Akademie?<BR><BR>Borchmeyer: Die vielen unabhängigen Einzelgänger der Künste zusammenzuholen und sie so weit zu bringen, dass sie miteinander kommunizieren, dass sie sich auseinander setzen, dass sie miteinander streiten. Und dass sie, wenn notwendig, gemeinsam an die Öffentlichkeit gehen. Das kann die Akademie besser leisten als jede Universität, denn die Akademiemitglieder sind vollkommen frei. Und zumeist in einem Alter, in dem sie sich alles leisten können; in dem man nicht mehr das Recht hat, feige zu sein, sondern die Pflicht zur Zivilcourage. Ich zum Beispiel, ich habe doch nichts zu verlieren . . .<BR><BR>Sind Sie sicher, dass alle Mitglieder so denken?<BR><BR>Borchmeyer: Auch eine Akademie entgeht nicht dem Hang zur Mittelmäßigkeit. Künstler sind Egozentriker und haben in der Regel ungern Konkurrenz im eigenen Bereich. An der Uni behandeln wir gerade Raimunds "Bauer als Millionär". Darin tritt auch der Neid auf; ein Typ, der nicht viel Zeit hat, denn er muss auf einen Künstlerkongress . . . Also nirgendwo ist der Neid größer als bei Künstlern. Und so spielt er auch immer eine Rolle bei der Wahl neuer Akademie-Mitglieder. Es gibt doch einige sehr prominente Namen in München, die erstaunlicherweise nicht Mitglied der Akademie sind. Ich werde als Präsident meinen Mund aufmachen und sie vorschlagen.<BR><BR>Für wie lange wurden Sie zum Präsidenten gewählt?<BR><BR>Borchmeyer: Für drei Jahre. Mit einer Mehrheit, die selbst Stoiber erblassen ließe.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff

Kommentare