Kein Theater – was nun?

Luk Perceval inszenierte für die Münchner Kammerspiele den Fallada-Roman „Kleiner Mann – was nun?“

„Und plötzlich begreift Pinneberg, dass er draußen ist, dass er hier nicht mehr hergehört, dass man ihn zu Recht wegjagt: ausgerutscht, versunken, erledigt. Armut ist nicht nur Elend, Armut ist auch strafwürdig. Armut ist Makel, Armut heißt Verdacht.“ Keine frisch formulierte Arbeitslosengeld-II-Erkenntnis von 2009, sondern ein Zitat aus Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“ von 1932.

Sechs Millionen Arbeitslose kämpften bei maroder Wirtschaftslage ums Überleben, Nazis und Kommunisten um die Herrschaft über die Massen. Jetzt, in unserer maroden Konjunktur, hatte die vertheaterte Geschichte von Pinneberg, dem blutjungen Angestellten, und seiner Frau, Lämmchen genannt, an den Münchner Kammerspielen Premiere (Samstagabend).

Dem belgischen Regisseur Luk Perceval hat „Kleiner Mann – was nun?“ von Fallada (1893–1947) derart gut gefallen, dass er im Begeisterungsrausch eine eigene Fassung – Film und Stück gibt’s ja eigentlich schon – schuf, die fast viereinhalb Stunden dauert. Perceval nimmt neben sozialgeschichtlichen Fakten (Angestellte, Proletarier, Chefs, Staatsgewalt, Rassismus, Doppelmoral) auch den Vorgang des Erzählens so ernst, dass er nicht bloß Dialoge sprechen lässt, nein, über weite Strecken referieren Annette Paulmann (Lämmchen) und Paul Herwig (Pinneberg) die übrigen Textteile.

Dazwischengestreut sind Schlager oder Reklame-Lieder. Die Bühne (Annette Kurz) bleibt völlig frei bis auf einen monströsen Butzenscheiben-Schrank, der, geöffnet, den Blick auf ein ab und an orgelndes Orchestrion freigibt. Ausschnitte – allerdings stark verlangsamt – aus Walther Ruttmanns raffiniert rhythmisiertem Film „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ (1927) werden auf das gesamte Bühnengehäuse und -geschehen projiziert. Perceval respektiert – was gut ist – die Entstehungszeit des „Kleinen Mannes“, aktualisiert nicht krampfig. Ebenso bleiben die Kostüme (Ilse Vandenbussche) in der Historie, werden dann ins Groteske getrieben, wenn Männer diverse Frauenrollen spielen. Warum das so ist und warum es nur teilweise durchgehalten wird, erklärt die Inszenierung freilich nicht. Man macht halt ein paar Spaßetteln, damit den Zuschauern das Epische Theater nicht zu fad wird.

Denn Luk Perceval reanimiert gewissermaßen Brechts Dramenform, ohne allerdings dessen Forderung nach Gefühlsdistanz nachkommen zu wollen. Daher bleibt die herzerwärmende Liebesgeschichte zwischen Lämmchen und Pinneberg wundersam gefühlsträchtig, aber wird nie gefühlig. Ein großes Verdienst von Paulmann und Herwig. Der macht seinen Jung-Ehemann strahlen: von innen heraus in inniger Liebe zu ihr. Und verdunkelt ihn angemessen, wenn er Arbeitgeber-Terror, Arbeitslosigkeit und das Gefühl, ein sozialer Niemand zu sein, ertragen muss. Annette Paulmann lässt ihr Lämmchen lebensglühend ins Glück – schließlich freut man sich auf den kleinen Murkel – springen und dann tief in sich ruhend, mütterlich verständnisvoll und standfest das Unglück durchschreiten. Eine anrührende, feinsinnige, überhaupt nicht theaternde Leistung von Paulmann.

Das zusammengenommen ergibt ein Gebilde, das man eine halbszenische Roman-Rezitation oder eine Abart des Epischen Theaters nennen könnte. Freilich gibt Perceval dem Theater nicht, was des Theaters ist. Sympathisch ist sein Respekt vor dem Buch, über gut vier Stunden trägt das jedoch nicht. Schon gar nicht, wenn einer die Geschichte des Paares kennt und auf eine echte dramatische Umsetzung gespannt ist.

Immerhin gibt es schauspielerische Zuckerl. Auch wenn viele (Neben-)Figuren der Episoden holzschnittartig gehalten sind, vermögen doch Gundi Ellert, Hans Kremer, André Jung und Wolfgang Pregler ein paar wahre Menschen hervorzuzaubern. Ellert zeigt, dass hinter Pinnebergs Mutter aus der Berliner Halbwelt mehr steckt als eine Megäre. Pregler legt ein staubtrocken witziges Solo eines Personalchefs hin. Kremer ist die lebenskluge Mutter Mörschel: Da weiß man gleich, warum Lämmchen so gut geraten ist. Und er ist mit souverän schleppender Sprechweise ein herzensguter Ganove. Jung bietet routiniert zwei Fiesling-Rollen, mal versoffen täppisch als kupplerischer Futtermittelhändler, mal bohème-schnöselig als berühmter Filmschauspieler. Allerdings ist seine Lichtgestalt Heilbutt (einer, der sich nichts gefallen lässt) zwar selbstironisch, aber ansonsten blässlich.

Ach, wäre das schön, wenn sich die Münchner Kammerspiele wieder mehr aufs Theater besinnen und nicht so viele Romane und Filme der Bühne aufpfropfen würden. Dennoch gab’s herzlichen Applaus.

Simone Dattenberger

Die Handlung

Wirtschaftskrise. Lämmchen und Pinneberg müssen heiraten, weil sich der kleine Murkel ankündigt. Aber das Geld fehlt. Pinneberg lässt sich schikanieren, kuscht und rackert, dennoch wird er arbeitslos. Die Familie lebt armselig. Lämmchen arbeitet. Zu allem kommt die gesellschaftliche Ächtung. Nur die Liebe hilft.

Die Besetzung

Regie: Luk Perceval. Bühne: Annette Kurz. Kostüme: Ilse Vandenbussche. Musik: Mathis B. Nitschke. Orchestrion: Fred Gerer, Klaus Holzapfel, Günter Lohr. Darsteller: Paul Herwig (Pinneberg), Annette Paulmann (Emma Mörschel alias Lämmchen), Gundi Ellert (Frau Kleinholz, Mia Pinneberg), Wolfgang Pregler (Dr. Sesam, Lauterbach, Lehmann, Herr Jänecke u.a.), André Jung (Emil Kleinholz, Heilbutt, der Schauspieler), Hans Kremer (Mutter Mörschel, Jachmann, zweite Dame u.a.), Stefan Merki (Spannfuß u.a.), Peter Brombacher (Kube u.a.), Tina Keserovic (Marie u.a.).

Nächste Vorstellungen 27.4., 4.5., 24.5., Tel. 089/ 23 39 66 00.

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