Ich bin kein Verbrüderer - Interview mit Nikolaus Bachler

München - Als Kellner in einem Café am Münchner Odeonsplatz bediente er 1972 die Kundschaft. Heuer, 36 Jahre später, kommt Nikolaus Bachler zurück nach München. Abermals um Kundschaft zu bedienen. Doch diesmal nicht als Kellner, sondern als Intendant derBayerischen Staatsoper.

Im Schauspiel hatten hier soeben zwei Stücke Premiere, zu denen Sie eine besondere Beziehung haben. In der Verfilmung von "Hiob", 1978, waren Sie der Menuchim. Und im "Menschenfeind" haben Sie den Philinte, den Freund der Titelfigur, gespielt. Glauben Sie an Schicksal oder Zufall?

Ich glaube ans Schicksal, ja. "Hiob" war ein ganz wichtiger Abschnitt in meinem Leben, mein erster großer Film. Ein Ankommen im Schauspielerberuf. Der Roman "Hiob" hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Diese Fragen: Wie gestalte ich mein Leben? Wie kämpfe ich gegen das Schicksal? Im "Menschenfeind" war für mich zentral: Wo befindet man sich in der Gesellschaft? Welche Rolle nimmt man an? Wie weit kann man Opposition betreiben, nicht um nur dagegen zu sein, sondern um die eigene Identität zu wahren?

"Von Anfang an ist es für mich wesentlich gewesen, mich in der gesellschaftlichen Verweigerung zu spüren", sagten Sie einmal. Wie wollen und können Sie sich als Intendant verweigern?

In jeder verantwortungsvollen Position ist es wichtig, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Das Theater ist immer sehr in der Gefahr, gesellschaftliche Koalitionen zu schließen, weil es so ein barockes Metier ist. Ich brauche zu meinen Arbeitspartnern ein Stück Distanz. Ich bin kein Verbrüderer, kein Kumpel. Es gibt im Leben eine private und eine berufliche Ebene. Am Theater tut man immer so, als sei das alles eins. Ich war auch während meiner Schauspieler-Zeit nie einer, der nächtelang saufen geht. Der Fehler von vielen ist, dass sie ihr Amt mit ihrer Person verwechseln.

"In der Negation liegt die Bestätigung. Es ist wichtig, Leute zu holen, die dieses Haus zerstören": Gilt Ihr Burgtheater-Satz auch für München?

Ich habe damals "erschüttern" gemeint. Die Kunst hat die Aufgabe, das, was über Jahrhunderte gedacht worden ist, in Kongruenz zur jeweiligen Zeit zu bringen. Man kann nicht immer nur das Positive zeigen. Trotzdem: Schlingensief oder Nitsch sind wichtig fürs Theater als Impulse, die Hauptsache bleiben aber der Rigoletto oder der Tristan.

Von der ersten Premiere erwartet man gemeinhin ein Zeichen für die gesamte Ära einer Intendanz. Warum gerade Verdis "Macbeth"? Warum mit Regisseur Martin Ku(s)ej?

Der Beginn ist ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger. Die Grundfrage ist immer: Wie belebe ich eine Identität neu? Ku(s)ej war da in Wien der wichtigste Regisseur für mich. Es gibt heute kaum einen anderen, der diesen großflächigen, archaischen, manchmal gewaltsamen Zugriff hat. Für mich ist München ein unglaublich wichtiger Musikpunkt. Zwei zentrale Unterschiede gibt es zu Wien. München ist leicht, Wien ist schwer. München ist mediterran und italienisch, Wien ist, um es mal so zu formulieren, "ostisch".

Deshalb in München auch Verdi. Außerdem gehören "Macbeth" und "Wozzeck", die zweite Neuproduktion, zusammen. Das Stück bietet einen Stoff aus dem Shakespeareschen Urfundament des Theaters, das andere ist das wichtigste des 20. Jahrhunderts. Danach folgt "Palestrina" als für München sehr wichtige Oper. Vom "Macbeth" lässt sich dann wieder ein Bogen zur letzten Saisonpremiere, zum "Lohengrin" spannen: Bei beiden dreht es sich um Vertrauensbruch, wobei die Verdi-Oper die Nachtseite des Wagner-Werks ist. Die Spielplan-Auswahl gründet sich also auf dem Charakter der Stadt, ihren Traditionen, auf den zentralen Werken des Musiktheaters und Themen, die uns bis heute beschäftigen.

Es fällt auf, dass Sie viele Schauspiel-Regisseure holen.

Das Musiktheater braucht neue Regisseure. Mein Ziel in den ersten zwei, drei Spielzeiten ist, Regisseure zum ersten Mal zur Oper zu verführen. Der Opernregisseur kommt in der Regel aus dem Schauspiel. Ich denke da sicher dramaturgischer als Peter Jonas. München braucht neue szenische Sprachen. Und es muss Vorreiter werden bei Sängern. Wir haben hier eine Ansammlung von Debüts, die kann sich wirklich sehen lassen. Insgesamt stehen wir also vor einem spannenden Einschnitt: An einem so soliden, traditionsreichen Haus kommt es auf allen Ebenen zu einem Generationenwechsel.

Wie frei ist man als Intendant? Muss man nicht bestimmte Namen, von heftig beworbenen Sängern bis hin zu Regisseuren, bedienen und bringen?

In der Oper ist man viel freier als am Theater. Gruppierungen wie im Schauspiel gibt es nicht. Da kommt kein Peter Zadek und sagt: Ich bring' mir alles mit. Natürlich sollen hier unterschiedliche Leute auftauchen. Das Repertoire ist so groß, da lässt sich schon vieles integrieren. Aber das Zentrum sind nicht Stars, so sehr ich sie auch schätze, sondern zentral sind ästhetische und inhaltliche Konstellationen.

Es gab hier eine Zeit, in den 70er- und 80er-Jahren, als etwa "Così fan tutte" aus dem Ensemble inklusive ständigen Gästen besetzt werden konnte. Kommt wieder eine solche "Münchner Familie"?

Ich hoffe. Aber es ist schwieriger geworden. Sänger, die ob ihres Talents auffallen, erhalten sofort viele Angebote. Ein Münchner Ensemble von Varady bis Wunderlich kann es und wird es nicht mehr geben. Aber eine "Così" aus dem Haus besetzen? Ja, das ist mein Ziel. Ebenso Solisten wie Jonas Kaufmann oder Anja Harteros und andere langfristig ans Haus zu binden.

Sie und Generalmusikdirektur Kent Nagano sind beide stark dramaturgisch orientiert. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit aus?

Die Arbeit funktioniert sehr, sehr gut. Kent Nagano ist ein stark analytisch denkender Mensch. Wir diskutieren lustvoll über Ideen, Projekte und Musikalisches. Ich freue mich auf das Zusammenwirken. Das einzige, was ein bisschen schwierig ist: Man muss relativ schnell entscheiden, wie es weitergeht.  Im Augenblick habe ich da überhaupt keine Sorge.

Als Sie die Wiener Volksoper übernommen haben, moderierten Sie einen großen Abend, in dem Sie sich präsentierten und die Künstler vorstellten. Wie wird Sie das Münchner Publikum kennenlernen?

Ich möchte die Einführungsmatineen, die bisher im Königssaal stattfanden, ins große Haus verlegen und selbst leiten. Weil ich einerseits denke, dass die Leute von mir erfahren sollten, warum ich diese Premiere wollte. Und andererseits: Die Künstler haben nicht immer Lust, an so etwas teilzunehmen. Wenn der Intendant dabei ist, sieht das dagegen meist anders aus. Die zentrale Aufgabe des Intendanten ist ja die Vermittlung. Auch wenn man in dieser Position irgendwie draußen ist.

Weil Sie nie am künstlerischen Ereignis selbst teilnehmen können.

Genau. Ich hatte da ein Urerlebnis: Fußball-WM in Italien, Deutschland siegt. Der Pokal ist gewonnen, alle sind in Champagnerlaune. Und da schwenkt die Kamera über das leere Spielfeld, wo der traurige, nachdenkliche Beckenbauer steht. Da habe ich ihn sofort verstanden. Du ermöglichst alles, es ist dein Kind, aber du bist nicht dabei. Man wird, im Gegensatz zum Künstler, nie was los, was ja immer befreiend ist. Deswegen bin ich auch nur kurz auf Premierenfeiern.

"Von Allüren und Manierismen habe ich schon im Alter von 14 Jahren intuitiv gewusst", meinten Sie. Wie viel ist davon geblieben?

Von Manierismen viel. Gut, ich halte mich für relativ gesund. Ich brauch' nur in die Steiermark zu fahren, dann weiß ich, wo ich herkomm'. Man darf nie vergessen, dass wir am Theater in einer Kunstwelt leben und dass dies Auswirkungen auf den Menschen hat.

Das Inszenierte fällt dann aufs Private zurück. Vieles in meinem Leben war durch dieses Theatralische bestimmt, weniger durch die Realität. Die Allür' ist dagegen weggefallen, so etwas ist eher in der Jugend interessant. Achim Freyer hat einmal gesagt: "Das Schöne am Altwerden ist, dass man seine Grenzen kennt und sich danach richten kann." Das ist eine wunderbare Beschreibung von Freiheit. Man wird einfach gelassener. Wenn ich bedenke, wie ich die Vorbereitungsarbeit hier genieße - und welche Probleme und Krämpfe ich mir in derselben Situation vor zehn Jahren am Burgtheater gemacht habe...

Was kann man dem Publikum hier zumuten, was nicht?

Grundsätzlich ist Kunst zumutbar. Wenn ich so auf die Stadt schaue, denke ich mir: Alles Didaktische, Ideologische, was in Berlin oder Hamburg funktionieren mag, hat in München nicht den rechten Platz. Dafür alles Emotionale, letztlich auch Irrationale. Die Leute reagieren sehr gefühl- und damit sehr liebevoll. Ich war gerade wieder in Wien in der Oper und dachte mir: Ihr seid so lieblos, so prätentiös. Wobei ich manchmal von den liebevollen Münchnern auch überrascht bin bei Aufführungen, in denen ich mir denke: naja...

Münchens Staatsoper zeichnete sich in der Ära Peter Jonas durch einen sehr farbigen, offensiven Auftritt aus, was das Marketing, auch manche Inszenierungen betrifft. Wie sieht das in Ihrer Ära aus?

Das Haus hat hier unter Peter Jonas eine Vorreiterrolle erreicht, auch im Bereich des Sponsoring. Mir schwebt für die Zukunft von der Ästhetik her aber ein kostbarerer, sinnlicherer, klassischerer Charakter vor. Das Poppige war schon irgendwie lustig und wichtig. Aber da bin ich wohl zu sehr mitteleuropäisch, wenn ich etwa an die britischen Regisseure denke. Alles muss da immer ironisch sein. Oft dachte ich mir: Jetzt geht da schon wieder einer mit dem Gartenschlauch rum und hat ein rosa Kostüm an. Fürs Leben reicht mir das auf Dauer nicht aus. Aber jeder hat seinen eigenen Stil, und das ist auch gut und spannend fürs Publikum.

Das Gespräch führten Sabine Dultz und Markus Thiel.

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