Kein weißes Rauschen

- Gemächlich zerläuft das gute alte Fernsehtestbild. In bester Bildqualität. Auf Flachbildschirm. Daneben, ebenfalls auf feinstem Niveau, das letzte Aufblitzen einer Bildröhre und das bei jedem Fernsehzuschauer befürchtete "weiße Rauschen". Markus Sixay (1974 geboren) zelebriert im Foyer des Münchner Lenbachhauses das Requiem auf Röhrentechnik und Video.

Ein quasi-archaisches Bewegungsspiel - fast wie flackerndes Holzfeuer. "40Jahrevideokunst.de - Teil 1" heißt ein deutschlandweites Projekt, in dem die Bundeskulturstiftung das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie, die K21/ Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, die Kunsthalle Bremen, das Leipziger Museum der bildenden Künste und eben Münchens Städtische Galerie zusammengeführt hat.

Grund ist nicht Jubiläumsseligkeit, sondern die Tatsache, dass die Kunstwerke zu verschwinden drohen. Die Magnetbänder verfallen rasant. Also ging es in erster Linie darum, eine Rettung zu versuchen. Dem restauratorischen Aspekt - auch was die alte Abspieltechnik angeht - widmet sich das ZKM. Zu untersuchen war ebenfalls, was an Bestand vorhanden ist und wie man ihn archivieren soll. Was ist überhaupt ein Original; wo sind die so genannten Master-Bänder?

Eine Fachjury hat in die Masse von Aberhunderten von Videos eine Orientierungsstruktur gesetzt, die nun an den fünf Orten zu sehen ist. Diese 59 Arbeiten wurden restauriert. Sie reichen von Wolf Vostells "Sun in Your Head" (1963), der noch einen 16mm-Film benutzen musste, über Joseph Beuys' "Filz TV" (1970), Nam June Paiks "Good Morning, Mr. Orwell" (1984), Angela Melitopoulos' "Transfer" (1992) bis Korpys'/Löfflers "The Nuclear Football" (2004). Auswahlkriterien waren: Produktionen aus Deutschland; Arbeiten, die wenig bekannt sind; und: "Ein Video, das gemacht wurde, um es auf einem Monitor zu zeigen", so Susanne Gaensheimer, Lenbachhaus-Jurorin.

Die Galerie selbst sammelt bereits seit den 70er-Jahren solche Arbeiten und ihre Nachfolger. Denn schon lange hat die digitale Bildbearbeitung das ursprüngliche Video abgelöst. Jetzt können alle Bild-Sorten, ob aus Zeitschriften, vom Film, ob aus dem Fernseher, miteinander vermischt, auch groß projiziert werden. Das zeigt der Ergänzungs-Teil der Schau, der bei jedem der fünf Museen anders ist; in München also: "Update 06". Neben Sixay repräsentieren Sunah Choi, René´ Pollesch, Christian Jankowski, Sean Snyder und Karolin Meunier den jüngsten Stand der Videokunst. Wobei Kurator Matthias Mühling betont: "Der Begriff Video ist mittlerweile nicht mehr ein technischer, sondern ein Gattungsbegriff."

Einstürzendes Hochhaus

Das Münchner Lenbachhaus hat Video-Arbeiten stets aus der Muffel-Atmosphäre trostloser Kabuffs herausgehalten. Auch diesmal ist die Präsentation wieder vorzüglich gelungen. Die 59 exemplarischen Werke laufen auf zwölf diagonal im ersten Saal angeordneten Bildschirmen - mit den besten alten Bildröhren, wie Mühling stolz verkündet. Außerdem gibt es eine wandfüllende Projektion. Die Filme spiegeln das unbegrenzte Interesse der Künstler. Da gibt es dokumentarische Szenen und extrem verlangsamtes Material; Versunkenheit in das geschaute Objekt oder ein raffiniertes Verweben von Kinoszenen; Musikvideo-Ästhetik kommt ebenso vor wie die zeichnerische Verfremdung von Filmen, etwa bei Rosemarie Trockels "Buffalo Billy + Milly".

Diese Lust am Variantenreichtum, an der Grenzüberschreitung und am Zitat beweist auch "Update 06". Während Sunah Choi (1968 geboren) in edlen, etwas grobkörnigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen Kreis und Kegelstumpf samt Lichtreflexen gewissermaßen auf Bauhaus-Niveau diskutiert, zerplappert Polleschs Fernsehserie "24 Stunden sind kein Tag" das Leben in bunte Oberflächlichkeit. Jankowski (1968) hebelt die Normal-Realität aus. In "16mm Mystery" wird der filmische Spezialeffekt (einstürzendes Hochhaus) Wirklichkeit - oder doch nicht? Der echten Wirklichkeit spürt Snyder (1972) mit dokumentarischem Material über den Irak-Krieg nach.

Markenprodukte vom Schokoriegel bis zum Auto haben längst gesiegt. In einem so schönen wie klugen Dreier-Arrangement setzt sich Meunier (1975) mit dem philosophischen Überbau von Figuren-Emotionalisierung (Hollywoodschauspielerinnen) auseinander. Film-, Computer-, Schriftbild samt Theoriebildung schließen sich kurz. Ein Bildnis werden wir uns wohl immer machen.

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