Kein Zuckerbäcker-Stil

- Strawinsky und Bruckner an einem Abend - das passt zu Lothar Zagrosek, der heute (20 Uhr), morgen (19 Uhr) und übermorgen (11 Uhr) im Gasteig am Pult der Münchner Philharmoniker steht. "Größtmögliche Gegensätzlichkeit", schmunzelt er und sucht dann doch die Verbindung: "Strawinskys ,Cantata" kommt mit vier Musikern, Sopranistin, Tenor und einem kleinen Frauenchor aus, Bruckner braucht eine Hundertschaft. Dennoch haben beide Werke einen spirituellen Hintergrund, ist der Geist, aus dem sie entstanden, durchaus vergleichbar. Aber während die ,Cantata funkelt wie ein geschliffener Diamant, kalt glänzend, ist Bruckners Sechste heiße Musik. Strawinskys berühmter Ausspruch ,je detest l'ausdruck (ich hasse) passt hier wunderbar. Es ist abstrakte Musik."

<P>Dieses Münchner Konzertprogramm ist der beste Beweis, dass Lothar Zagrosek mittlerweile "eine schöne Balance" gefunden hat. Denn es gab in seiner Karriere durchaus Zeiten, in denen er als Spezialist für Neue Musik in dieser Schublade steckte. "Danach wurde ich dann auch noch der Spezialist für Entartete Musik", amüsiert er sich. Der zielbewusst-zähe Zagrosek ließ sich nicht unterkriegen und machte "einfach weiter". Mozart lag ihm seit jeher am Herzen, ebenso Wagner, dessen "Ring" - inszeniert von John Dew - er bereits vor 25 Jahren am Theater Krefeld-Mönchengladbach dirigierte. Mittlerweile leitet der 60-Jährige den Aufsehen erregenden "Ring" in Stuttgart, wo er seit sechs Jahren GMD ist und mit dazu beigetragen hat, dass Klaus Zeheleins Institut binnen fünf Jahren viermal zum "Opernhaus des Jahres" gekürt wurde. Aber Zagrosek lenkt sofort ein: "Nur die Motivation von allen Mitarbeitern hat das ermöglicht. Natürlich auch die Kontinuität in unserer Arbeit, wobei wir zunächst Mitarbeiter und Publikum überzeugen mussten, dass das der richtige Weg ist. Zehelein und ich verfolgen eine Vision. Wir wollen nicht im Mainstream mitschwimmen, sondern Stellung beziehen zur aktuellen Situation in der Kunst."</P><P>"Stellung beziehen zur aktuellen Situation in der Kunst"<BR>Lothar Zagrosek</P><P>Dass sich der Einsatz gelohnt hat, erfährt die Stuttgarter Oper jetzt, wo zusätzliche Nachmittagsvorstellungen angesetzt werden, um das Publikumsinteresse aufzufangen. "Man darf, auch wenn es anfangs schwierig ist, nicht sofort den Rückwärtsgang einlegen, sondern muss dann erst recht durchstarten." In Stuttgart hat das hervorragend geklappt, "weil ein Bildungsbürgertum uns trägt, das die Kultur als Teil des täglichen Lebens begreift, der sich weiterentwickeln muss".</P><P>Dass auch Zagroseks lebenslange Beschäftigung mit Mozart ihre Früchte trägt, davon künden seine Produktionen in Stuttgart (berühmt die "Entführung" mit Neuenfels), Salzburg, Glyndebourne und Berlin, wo er an der Deutschen Oper gerade "Idomeneo" herausbrachte. Dafür, dass bei aller Innovation und Betonung der Szene das Musikalische nicht wegbricht, setzt sich Stuttgarts GMD immer wieder vehement ein. "Gerade die ,Finta giardiniera hat jetzt bewiesen, dass wir ein ausgewogenes Mozart-Ensemble geformt haben. Mithilfe eines Spezialisten für Alte Musik haben wir auch im Orchester eine Lesart für Mozart entwickelt, die der besonderen Rhetorik und Stilistik Rechnung trägt." Der Spezialist ist Werner Erhardt von Concerto Köln, und Zagrosek zieht ihn zu, wie ein guter, uneitler Arzt. "Ich finde das völlig normal. Nur die Dummen wollen nichts dazulernen." Bei den reinen Orchesterproben ist der Spezialist immer dabei, und, wenn Zagrosek einen Rat braucht, holt er sich ihn und überlässt dem Kollegen zwischendrin auch Taktstock und Pult. Als er an den freien Nachmittagen Workshops mit dem Fachmann ankündigte, meldeten sich 70 Musiker. "Da sehen Sie, warum wir so oft Opernhaus des Jahres wurden", strahlt Zagrosek. </P><P>Bis 2006 gehört Zagrosek noch zum Stuttgarter Erfolgsteam. Seit zehn Jahren ist er erster Gastdirigent der Jungen Deutschen Philharmonie. Was das Gastieren betrifft, fühlt er sich im "alten Europa sehr wohl", zieht Gastspiele in Japan solchen in den USA vor. Amerika reizt ihn mehr als Tourist. Zu sehr identifiziert er sich mit dem "Euro-Trash" _ "und Zuckerbäcker-Stil interessiert mich nicht".</P>

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