Kein Zurück zum Paradies

München - Reh, Elch, Hirsch und Gazelle an der Wand - aber: Franz Marc spricht von „geistigen Gütern", die er weitergeben will, und Joseph Beuys vom „geistigen Wesen", das er im Menschen reaktivieren möchte. Wie das zusammenpasst, versucht die Ausstellung „Franz Marc und Joseph Beuys - Im Einklang mit der Natur", im Kocheler Marc-Museum zu veranschaulichen.

Die beiden Künstler - der eine zu Beginn der Moderne, der andere auf deren Höhepunkt - nutzten tatsächlich ihr Nachdenken über Natur und die Sehnsucht nach ihr als Basis für ihr Schaffen in der bildenden Kunst. Das heißt, den Künstlern war klar: Es gibt kein Zurück zur Natur, zum Paradies, kein Nicht-Bewusstsein wie bei Tieren. Aber da der Mensch ein Teil der Natur ist, müsste er ihr mehr Achtung zollen.

Museumschefin Cathrin Klingsöhr-Leroy setzt in der Präsentation konsequent auf den Dialog von Marc (1880-1916) und Beuys (1921-1986) - und führt im Parterre des Hauses am Hang über dem Kochelsee gleich in die symbolgeladene Tierwelt ein. Allerdings besteht die Gefahr, dass der Blaue-Reiter-Heros mit seinem Farben-Leuchtfeuer den Jüngeren aussticht. Beuys braucht den neugierig suchenden, gut beobachtenden Betrachter, denn von dem Rheinländer werden keine Groß-Installationen gezeigt, sondern Zeichnungen, Druckgrafiken oder seine spezielle Art von Aquarellen. Da verwendete er gern ungewohnte Materialien wie Beize oder Deckweiß mit Tinte. Gerade durch sein Tasten, wobei die Linie seines Stifts wie von selbst übers Papier zu schnüren scheint, wird sichtbar: Er weiß um Zeichner wie Klee oder Picasso - und ihm sind die uralten Höhlenmalereien wichtig. Erhellend ist obendrein, dass - ganz kurz - die Verbindung zur Romantik hergestellt wird. Auch im frühen 19. Jahrhundert wurde die Idee der Natur als Ideal aufgebaut. Und noch ein Thema wird bereits im Erdgeschoss angerissen: Vernichtung und Tod.

Mit ihnen wird zum größeren Teil der Schau im zweiten Stock übergeleitet. Das leidende, verendende, geschlachtete Tier, ob Hyäne oder Pferd, berühren uns tief. Franz Marcs Reh, das, bereits auf seine Läufe gebrochen, wie mit einem Schmerzensschrei Hals und Kopf zum Himmel empordreht, wird zu dem Zeichen für die Not, die Anklage der Ohnmächtigen. Joseph Beuys geht, so schildert es die Ausstellung, den analytischeren Weg: Das Ziegengerippe verweist weniger auf die Hinfälligkeit allen Seins als auf den Künstler, der nach Basis-Strukturen sucht. So gelangt er zu geometrisch-prismatischen Formen, die auch bei Marc das Tier aus dem Realismus herausbrechen und als symbolische Größe, ja als kosmisches Element feiern. Beuys ist im Vergleich dazu „schmutziger“, bei ihm spürt man eher den Kreislauf von Befruchtung, Geburt und Tod. Wobei der Tod für andere wiederum nutzbringend sein kann. Das deutet er bei der Zeichnung „Toter Elch auf Urschlitten“ an: Das mit Wirbel-Strichen dynamisierte Gefährt wird mit dem Tier kombiniert, dessen Fell wärmt und dessen Fleisch nährt.

Deswegen ist insbesondere Joseph Beuys derjenige, der die Geschöpflichkeit und die Fruchtbarkeit herausstreicht: das Schaf mit dem großen Euter, das säugende Lämmchen, natürlich der Hase, der Fötus - und die Frau. Sie charakterisiert er als Muttergottheit. Wundervoll entspannt zeichnet und/oder laviert er, folgt dabei im Arbeiten den Wesen, die sich stets wandeln - kommt dadurch zu Formen, die die Natur nicht hervorbringt. Franz Marc und Joseph Beuys sind sich darin ebenfalls einig - im Hinübergleiten in die Abstraktion.

Simone Dattenberger

18. 9. bis 27. 11.

Di.-So. 10-18 Uhr, ab November 10-17 Uhr; allgemeiner Audioführer und einer, der von Schülern entwickelt wurde; Katalog: 29,80 Euro.

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